Die Fotos, die dieser Tage aus Haiti kommen, vermitteln eine Ahnung der Verzweiflung und des Elends als Folge des verheerenden Erdbebens. Diese Fotos gehen rund um die Welt. Viele Menschen, die sie sehen, wollen helfen - meist: spenden. Das ist gut so.

Trotzdem:An vielen dieser Bilder ist etwas, was nicht passt - etwas, was bei der Fotoauswahl für eine Zeitung, für ein Onlinemedium, zurückschrecken lässt. Viele der Aufnahmen zeigen Schwerverletzte, todesnahe Menschen, Leichenberge. Soll Deratiges ins Medium gerückt werden - oder ist das Voyeurismus? Und, bitte: ab wann? Welches Motiv ist treffend, welches nicht?

Vielfach hat das Zurückschrecken damit zu tun, dass es sich bei den Betroffenen um dunkelhäutige Menschen handelt, denen anzusehen ist, dass sie schon vor den Erdstößen zu den Verarmten gehörten. Sie verstärken das verbreitete Bild vom wehrlosen Schwarzen. Das Foto auf Seite eins der Kronen Zeitung von vergangenem Donnerstag ist ein Beispiel dafür: eine staubbedeckte Frau mit scheinbar leerem, schwer geschocktem Gesichtsausdruck reckt ihre Arme in Richtung Fotograf, ihr Körper steckt unterhalb ihrer Taille im Schutt eines zusammengebrochenen Hauses. 

Das Bild ist wirklich grauenhaft. Allzu grauenhaft, wie jenes Bild von aufgequollenen, im Meer treibenden Kinderleichen nach dem Tsunami im Jahr 2004, das damals im profil auf Seite eins gerückt wurde. Das wurde kritisiert: Kinder, die so ein Foto zu Gesicht bekämen, könnten einen Schock erleiden. Es gibt noch einen anderen Grund, vorsichtig bei der Verwendung von Elendsbildern zu sein: ein gewisser Respekt. Man kann auch "Recht auf das eigene Bild" dazu sagen.

Irene.Brickner@derStandard.at