Bild nicht mehr verfügbar.

Foto: AP Photo/Lynne Sladky

Was die Erdbebentragödie in Haiti besonders bestürzend macht, sind nicht nur die hohe Zahl an Toten und Verletzten, die massiven Hindernisse für die Helfer, die Angst vor Hunger, Seuchen und Anarchie, sondern auch die Aussicht auf die Zeit danach.

Es ist so gut wie sicher:  Anders als andere von Erdbeben getroffene Länder und Regionen wird sich Haiti von dieser Katastrophe nicht mehr erholen. Das ärmste Land der Welt außerhalb Afrika wird noch ärmer werden, ein bereits jetzt gescheiterter Staat wird weiter ins wirtschaftliche, politische und soziale Chaos abgleiten.

Und niemand weiß, wie man Haiti helfen kann, was man seinen Menschen raten kann – außer so schnell wie möglich die Unglücksrepublik zu verlassen und irgendwo auf der Welt Zuflucht zu suchen.

In Haiti hat nie etwas funktioniert: Die Duvalier-Diktatur war eine Katastrophe, die Demokratie ebenso. Weder Unabhängkeit noch US-Besatzung (1915 bis 1934) oder UN-Protektorat (mit Unterbrechungen seit 1995) haben je echte  Stabilität oder wirtschaftliche Entwicklung gebracht.

Hunderte Millionen Dollar werden nun ins Land fließen, um das Elend zu lindern und den Wiederaufbau in Gang zu bringen. Davon wird der Großteil  durch Misswirtschaft, Korruption oder offener Diebstahl verschwinden, und das, was wieder entsteht, wird nach einigen Jahren zu verfallen beginnen. Diese Aussicht spricht nicht gegen sofortige Hilfe –  ohne ihr würden noch einmal Hunderttausende sterben – aber gegen jede Form des Optimismus. Auch ein so genannter "Marshallplan für Haiti", wie ihn nun viele fordern, wäre vergeblich.

Haitis Landwirtschaft wurde durch Abholzung zerstört und kann weder die eigenen Bürger ernähren noch durch Export genügend Devisen generieren. Aber sonst hat das Land nichts – keine Bodenschätze, keine Industrie, keine qualifizierten Arbeitskräfte, keine Kleinunternehmer, keinen Tourismus.  

Man darf auch nicht glauben,  dass eine wohlwollende Besatzung durch die USA oder  die Nato die Probleme lösen kann. Die Herrschaftsmethode des Kolonialismus – mit Gewalt und Geschick die politischen Kräfte zu unterdrücken und dann nach eigenem Gutdünken zu walten – ist in der heutigen Zeit nicht mehr möglich.

Protektorate schauen heute aus wie Bosnien: bürokratisch, teuer, und ohne echte wirtschaftliche Perspektiven.   Haiti braucht Hilfe, aber nur aus eigener Kraft könnte es sich wieder auf eigene Beine stellen.

Haiti ist in mehrerer Hinsicht von Pech verfolgt – nicht nur durch die Naturgewalten, sondern durch die Natur seiner Politiker. Die Papa Doc und Baby Doc Duvalier waren besonders schlechte Diktatoren, der zweimal demokratisch gewählte Jean-Bertrand Aristide ein gefährlicher, fast wahnsinniger Volkstribun, und der jetzige Präsident René Préval ist ein einfach unfähig. Bessere Anführer hätten vielleicht etwas bewirken können.

Und darin liegt auch die einzige, ganz kleine Chance: Eine Führungspersönlichkeit, die klug, stark, sauber, und international angesehen ist, könnte in der jetzigen Situation Wunder bewirken.  Jemand  wie Ruandas Präsident Paul Kagame, der zwar kein Demokrat ist, aber effektiver als jeder anderer in Afrika regiert. Oder Liberias tüchtige Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf, die ein vergleichbar zerstörtes Land Schritt wie Schritt wieder aufbaut.  

Eine solche Persönlichkeit ist leider nirgendwo in Sicht. Aber vielleicht irre ich mich und Haiti hat einmal - ein einziges Mal - in seiner Geschichte auch ein wenig Glück.