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Papst Benedikt XVI. am Sonntag bei seiner Ankunft in der Großen Synagoge in Rom.

Foto: Reuters/Gentile

Beim Besuch Benedikts XVI. in der römischen Synagoge hat die jüdische Gemeinde am Sonntag das Schweigen von Papst Pius XII. zur Shoah beklagt und den Vatikan aufgefordert, die Archive zu öffnen, um ein "gemeisames historisches Urteil" zu ermöglichen. "Vielleicht hätte ein offenes Wort des Papstes die Todestransporte in die Konzentrationslager nicht verhindert", erklärte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Roms, Riccardo Pacifici. "Aber er hätte sicher ein Zeichen gesetzt, ein Wort des Trostes für die Deportierten."

Benedikt XVI. ging in seiner Rede in der Synagoge nicht direkt auf Pius XII. ein, dem er letzthin als Vorstufe zur Seligsprechung den "heroischen Tugendgrad" zuerkannt hatte. Er verteidigte die katholische Kirche jedoch gegen die Anschuldigung, zum Judenmord geschwiegen zu haben. Der Vatikan habe - oft geheim und im Stillen - zahlreichen Verfolgten geholfen, und viele kirchliche Einrichtungen und Gläubige hätten oft unter Lebensgefahr bedrohten Juden Schutz gewährt.

Die von den Nationalsozialisten angestrebte Vernichtung des jüdischen Volkes sei "der Höhepunkt des Hasses, der entstehe, wenn der Mensch sich selbst in den Mittelpunkt stellt". Der Antisemitismus müsse "für immer ausgemerzt werden". Der Papst verwies auf die Neuordnung des Verhältnisses zum Judentum in den letzten 40 Jahren und äußerte die Hoffnung auf eine weitere Intensivierung der Beziehungen.

"Ich bitte Gott, unsere Brüderlichkeit und unser Einvernehmen zu stärken", sagte Joseph Ratzinger, der seine mehrmals durch Applaus unterbrochene Rede mit einer hebräischen Fürbitte abschloß: "Wir haben dieselben Wurzeln, verehren denselben Gott und sind durch viele gemeinssame Werte verbunden."

Würdigung der Nazi-Opfer

Nach seiner Ankunft im Ghetto , in das Papst Paul IV. die Juden 1555 verbannt hatte, gedachte er zunächst der 1022 römischen Juden, die 1943 von den Nationalsozialisten in die Vernichtungslager deportiert wurden. Die wenigen Überlebenden wurden anschließend in der Synagoge geehrt.

Roms Oberabbiner Riccardo Di Segni, der trotz Protesten aus der jüdischen Gemeinde am Papstbesuch festgehalten hatte, forderte den Vatikan zu einer Standortbestimmung auf: "Wir sollten uns fragen, wie es um unsere oft beschworene Brüderlichkeit bestellt ist und an welchem Punkt wir angelangt sind", sagte Di Segni, der die wesentliche Rolle des Zweiten Vatikanischen Konzils für den jüdisch-christliche Dialog würdigte.

"Wenn das Konzil in Frage gestellt wird, ist auch der Dialog zu Ende", sagte Di Segni unter Anspielung auf die Pius-Brüder, die das Konzil ablehnen und denen Benedikt durch eine Aufhebung der Exkommunikation von Bischöfen die Wiederannäherung an die katholische Kirche gestattet. (Gerhard Murmelter aus Rom, DER STANDARD, Printausgabe 18.1.2010)