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Hungersnöte in Afrika: Mit 15 Mio. Dollar könnten in Mauretanien 90 Mio. Lebensjahre von Kindern gerettet werden.

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Wien - Mit Haiti wurde wieder einmal eines der ärmsten Länder der Welt von einer Naturkatastrophe getroffen. Aktuell wurden zahlreiche internationale Hilfsaktionen gestartet. Wenn die großen Krisengebiete der Welt aber nicht gerade im Blickfeld der Öffentlichkeit stehen, sieht es auch schlecht mit finanziellen Hilfen von Staaten und privaten Spendern aus. Die Effektivität der eingesetzten Mittel lässt oft zu wünschen übrig, zeigt eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Boston Consulting.

Eines der zentralen Ergebnisse: Wenn sich Regierungen oder Hilfsorganisationen genauer überlegen würden, wofür sie spenden und auch Kosten-Nutzen-Rechnungen anstellen würden, könnte häufig mehr erreicht werden. Studienmitautor Ulrich Villis: "Das Thema steckt noch in den Kinderschuhen. Soziale Organisationen haben häufig ein fragmentiertes Portfolio. Sie investieren in viele unterschiedliche Projekte, häufig auch in unterschiedlichen geographischen Regionen. Das ist zwar verständlich, weil jede Sache grundsätzlich Nutzen spendet. Die Gesamteffizienz leidet jedoch häufig darunter, weil nicht genug Ressourcen und Aufmerksamkeit für die einzelnen Aktivitäten zur Verfügung stehen."

Er rät daher dazu, auch bei Spenden den ökonomischen Wert zu ermitteln. Das sei zwar im sozialen Bereich schwieriger, aber nicht unmöglich. Für Mauretanien hat man ein Beispiel durchgerechnet. In dem afrikanischen Land gibt es 450.000 Kinder unter fünf Jahren, die unterernährt sind. Bei einem Mitteleinsatz von nur 15 Millionen Dollar pro Jahr, also rund 34 Dollar pro Kind, könnten 90 Millionen Lebensjahre gerettet werden. Wenn man das in einen ökonomischen Wert umrechnet, ergibt sich ein 30-facher Nutzen des eingesetzten Geldes. Villis zur Bedeutung derartiger Berechnungen: "Daraus ergeben sich mehrere Vorteile. Man kann verschiedene mögliche Projekte hinsichtlich ihres Nutzens vergleichen. Aber man kann auch gegenüber Geldgebern oder Regierungen ganz anders argumentieren." Für den mauretanischen Finanzminister war dieses Beispiel der Hauptgrund, mehr eigene Ressourcen zu versprechen.

Ethisches Dilemma

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Ein großer Teil der von Privaten in den sieben größten Industrieländern gespendeten Gelder wird für wohltätige Zwecke in diesen Ländern verwendet. Nur fünf Prozent kommen jenen Ländern zugute, in denen die Not am größten ist.

Experte Ulrich Villis: "Persönliche Präferenzen beeinflussen den Spendenzweck am stärksten. Das ist grundsätzlich o.k., weil jedem natürlich freisteht, wofür er sich engagiert. Die Menschen nehmen die Probleme in ihrem Umfeld am stärksten wahr." Die Frage, wofür man sich engagiert und sein Geld einsetzt, sei "häufig ein ethisches Dilemma. Was ist schlimmer: Ein verarmtes Kind in Österreich? Oder ein verhungerndes Kind in einem Entwicklungsland?" Ist die Faktenlage transparent, würden sich die meisten aber doch für das verhungernde Kind entscheiden, sagt Villis. "Das ist unser Plädoyer: Es geht nicht darum, persönliche Präferenzen auszublenden, sich jedoch zusätzlich auch die Fakten anzuschauen."

Gemeint seien damit aber nicht nur die privaten Hilfsorganisationen und Spender, sondern auch die Regierungen. Denn auch bei den staatlichen Hilfen geht nur die Hälfte in die ärmsten Länder - und das oft in Form von Krediten und Schuldenerlässen. Villis: "Auch dort kann man sicherlich vorschlagen, systematischer zu betrachten, welchen Nutzen Hilfsgelder eigentlich erzielen."

Spendenaufkommen steigern

Mehr Effektivität würde jedenfalls nicht nur den Notleidenden helfen, sondern könnte auch das Spendenaufkommen steigern. "Aus Befragungen ist bekannt, dass Menschen mehr spenden würden, wenn sie sicher wären, dass die Gelder effektiv eingesetzt werden", sagt Villis. Von den Regierungen der OECD-Länder wurden 2008 rund 125 Milliarden Dollar für Entwicklungshilfe ausgegeben. Von privaten Spendern der sieben größten Industriestaaten kamen 2007 rund 280 Milliarden Dollar. (Günther Oswald, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 18.1.2010)