38 Quadratmeter als bequeme Behausung für eine vierköpfige Familie. - Was sich heute viele gar nicht mehr vorstellen können, wurde in den 1920er-Jahren als echter Meilenstein im sozialen Wohnbau gefeiert.
Der 1896 in Wien geborene Architekt Anton Brenner wurde noch während seines Architektur-Studiums von der Gemeinde Wien mit der Planung einer städtischen Wohnhausanlage in der Rauchfangkehrergasse im 15. Bezirk beauftragt. Das Besondere dabei: Brenner sollte die kleinen Wohnungen auch vollständig mit Einbaumöbeln ausstatten.

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Brenner ging ans Werk und dachte dabei an alles: Die Wohn- und Schlafräume wurden mit begehbaren Kästen getrennt, hochklappbare Betten hinter Paravents sollten unter tags für mehr Wohnraum sorgen, auch ein kleiner Balkon war eingeplant. Die nur vier Quadratmeter große Küche spielte alle "Stückln" und wurde später von Brenners Assistentin Margarete Schütte-Lihotzky als "Frankfurter Küche" weltberühmt gemacht.

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Dass Architekt Brenner eine Wohnung in dem von ihm entworfenen Gemeindebau - auch "Wohnmaschine" genannt - bis zu seinem Tod 1957 selbst mit seiner Frau und seinen beiden Kindern bewohnte, strich Michael Ludwig am Mittwoch - augenzwinkernd - als geradezu beispielhaft hervor. Der Wohnbaustadtrat eröffnete die Wohnung in der Rauchfangkehrergasse, in der noch sehr viel der ursprünglichen Ausstattung von 1925 erhalten geblieben ist, und adelte sie quasi gleichzeitig zum "Gemeindebaumuseum".

Bild (v.l.): Vizebürgermeister Michael Ludwig, Bezirksvorsteher Gerhard Zatlokal und "ZEIT!RAUM"-Geschäftsführer Reinhold Eckhardt.

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In den vergangenen sieben Jahren wurden die Räumlichkeiten vom Verein "Zeit!Raum", der die Wohnung verwaltet, aufwändig restauriert. Fußböden, Schränke, Schrankwand und Einbauküche wurden konserviert, ein fehlender Gasherd und Blechofen durch vergleichbare Geräte aus jener Zeit - teilweise als Dauer-Leihgabe des Technischen Museums - ersetzt. Die originale Ausmalung wurde wiederhergestellt und die beweglichen Teile der Einrichtung wurden im Stil der 1920er-Jahre vervollständigt.

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Wissenschaftlich begleitet wurde "Zeit!Raum" dabei vom Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung (VGA). Man habe zunächst "gar nicht glauben können, dass es sowas überhaupt noch gibt", berichtete dessen Leiter Wolfgang Maderthaner. Vizebürgermeister Ludwig sprach von einem "architektonischen Juwel", in dem man "hautnah erleben kann, welche Bedeutung leistbarer und qualitätsvoller Wohnraum hat".

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Die vollständig erhaltene Einbauküche, die auf kleinstem Raum sämtliche Arbeitsabläufe in geringster Zeit ermöglichte und die sich durch einen bis ins Detail durchdachten Funktionalismus auszeichnete, ist das Highlight der Wohnung. "Mit ihr hat sich ein Vorläufer der berühmten 'Frankfurter Küche' erhalten", erklärte Reinhold Eckhardt, Geschäftsführer von "Zeit!Raum". Auch der in die Wohnung integrierte Müllschlucker und weitere revolutionäre Details bleiben durch die Sanierung der Wohnung erhalten, so Eckhardt.

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Brenners "Wohnmaschine" sorgte damals für Furore: Eckhardt zeigte einen Bericht der "Kronen Zeitung" aus 1925, in dem von "Tumulten" bei der Eröffnung des Baus die Rede war, weil 4.000 Menschen in die Wohnungen drängten. Brenners weitere Karriere sollte dann allerdings nicht mehr ganz so glanzvoll verlaufen: Ab 1929 arbeitete er eine Zeitlang eher erfolglos in Deutschland, bevor er 1931 nach Wien zurückkehrte und am Bau der Werkbundsiedlung (Bild) beteiligt war. Nach 1934 erhielt er als "radikaler Sozialist" keine Aufträge mehr, seine Biographie zwischen 1938 und 1945 wird im Web-Lexikon der Wiener Sozialdemokratie "dubios" genannt. In seinen letzten Lebensjahren arbeitete er gemeinsam mit seinem Sohn wieder als Architekt in Wien.

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Das Gemeindebau-Museum in der Rauchfangkehrergasse können Interessierte nach individueller Terminvereinbarung mit dem Verein "Zeit!Raum" besichtigen (Kontaktmöglichkeit siehe unten). Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich auf rund 60.000 Euro, davon wurden 37.000 Euro vom Wiener Altstadterhaltungsfonds zugeschossen. (Martin Putschögl, derStandard.at, 20.1.2010)

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