Chinas Wirtschaft ist im Schlussquartal 2009 mit 10,4 Prozent erstmals seit Ausbruch der Weltfinanzkrise wieder zweistellig gewachsen. Mit dem zu 90 Prozent von Staatsinvestitionen und Bankkrediten angetriebenen Endspurt kam die Wirtschaft für das Gesamtjahr 2009 auf ein Plus von 8,7 Prozent. Pekings Führung löste damit ihr Versprechen ein, alles dafür zu tun, um 2009 ein Wachstum von mindestens acht Prozent zu erzielen.
„Wir wurden zur ersten Volkswirtschaft, die sich von der globalen Krise in V-Form wieder erholt hat", sagte der Sprecher des Statistischen Amtes, Ma Jiantang. Auch 2010 werde Chinas Wirtschaft stabil und „relativ schnell" wachsen, weil sich die Impulse von den Investitionen aus dem umgerechnet 400 Mrd. Euro schweren staatlichen Konjunkturprogramm und vom Konsum nicht abschwächten, sagte Ma. Zudem würde sich die Weltwirtschaft langsam erholen.
Chinas Außenhandel, der im Vorjahr um insgesamt 13,9 Prozent fiel, nimmt seit Jahresende wieder Fahrt auf, im November um 9,8 und im Dezember um 32,7 Prozent. Dabei half den Exporten die sich weiter abwertende Währung, weil Peking den Renmimbi an den Wert des US-Dollar gebunden hat. Ma glaubt, dass der positive Trend im Welthandel anhält. 2010 werde Chinas Außenhandel wieder einen positiven Beitrag zum Brutto-Nationalprodukt leisten können. Die Nachfrage des Binnenmarktes, die Chinas Regierung eigentlich durch ihre Konjunkturprogramme ankurbeln will, stieg nur um etwa 15 Prozent.

„Aodili" statt Österreich

Bundespräsident Heinz Fischer, der sich mit einer Wirtschaftsdelegation zu Gesprächen in China aufhält, wird am Freitag, Österreichs Beitrag zu der von Mai bis Oktober stattfindenden Expo 2010 in Schanghai - einen Porzellan-Pavillon - begutachten. Die chinesischen Schriftzeichen an der Außenfassade, die „Aodili" gelesen werden, bedeuten Österreich. Die Chancen für österreichische Unternehmen in China werden als groß angesehen.
Der Sprecher des Statistischen Amtes in Peking wollte nicht bestätigen, ob das Land der Mitte in Kürze Japan als bisher zweitstärkste Volkswirtschaft der Welt nach den USA ablösen wird. Welchen Platz es nach den absoluten Zahlen einnimmt, spiele eine untergeordnete Rolle, solange das Land bei einer Pro-Kopf Umrechnung auf 1,3 Milliarden Menschen nicht einmal unter die ersten hundert Nationen falle. 150 Millionen Chinesen würden derzeit noch unter der Armutsgrenze leben, die die Vereinten Nationen auf einen US-Dollar Einkommen pro Tag festgelegt haben.
Das gleiche Problem stelle sich auch bei den Exporten, die Peking mit einem Rekordwert von 1200 Mrd. Dollar 2009 den Titel eines Exportweltmeisters einbrachten - erstmals vor Deutschland.
Nachdem Chinas Statistiker Anfang 2009 noch Wirtschaftseinbruch und Deflation befürchtet hatten, haben sich Anfang 2010 die Vorzeichen umgekehrt. Sie beschwören nun die Gefahr der Überhitzung. Diese zeigt sich am deutlichsten in der sprunghaften Zunahme der Industrieproduktion. Im ersten Quartal 2009 war sie nur um 5,1 Prozent gewachsen; im vierten Quartal legte sie um 18 Prozent zu.

Schwergewichtige Stahlbranche

Die Schwerindustrie wuchs 2009 mit 11,5 Prozent zweistellig und erstmals schneller als die Leichtindustrie (9,5 Prozent). Chinas Stahlbranche stellte mit 563 Mio. Tonnen die Hälfte des weltweiten Stahls her. Sie profitiert von den Großinvestitionen in den Eisenbahnbau, die um 67,5 Prozent stiegen oder in den Fahrzeugbau. China hat mit gut 13 Mio. Fahrzeugverkäufen, darunter zehn Mio. Pkws, die USA als Automarkt Nummer eins überflügelt.
Nachhaltig ist das alles nicht. Die EU-Kammer in Peking hat in einer Studie jüngst vor dem Aufbau gefährlicher Überkapazitäten bei zahlreichen Industriebranchen gewarnt. Peking musste 2009 etwa 650 Mio. Tonnen Eisenerz und 204 Mio. Tonnen Rohöl importieren. Beides sind Rekorde. China führte bei Öl erstmals mehr als die Hälfte seines Verbrauchs (52 Prozent) ein. Ma Jiantang nannte auch die Inflation eine neue Gefahr. Nach Minus-Werten schnellte die Teuerung im November um 0,6, im Dezember um 1,9 Prozent in die Höhe. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 22.1.2010)