Mit Krieg und Frieden kennt sich die deutsche Sozialdemokratie aus. 1914 sprang sie noch in letzter Minute auf den Vaterlandszug auf, 1939 waren ihre Führer im Exil oder im Konzentrationslager, danach - in den Bonner und Berliner Jahren - mäanderte die SPD zwischen Realpolitik und Wahlkalkül, von der Debatte um die Wiederbewaffnung in den 1950er-Jahren über die Pershing II zum Kosovokrieg.

Jetzt sind die Sozialdemokraten mit ihrem Vorsitzenden Sigmar Gabriel beim Thema Afghanistan gelandet. Die Finger am Puls des deutschen Wählers, stellt der SPD-Chef fest: Die Deutschen müssen raus aus dem Land der Burkas und Taliban. Das Ende einer verqueren Diskussion über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan soll das sein, leicht ummünzbar in Wählerstimmen wie dato 2002, als Gerhard Schröder mit seiner Empörung über den anrollenden Irakkrieg der USA noch knapp eine Bundestagswahl gewann.

Geht es um Krieg und Frieden, kann die SPD beides: einen Kanzler abservieren wie einst Helmut Schmidt oder ihre Parteibasis einen Militäreinsatz schlucken lassen. Sigmar Gabriel hat nun die Friedensflagge gehisst. Mit seiner Forderung nach einem Abzug aus Afghanistan ersetzt er eine Unwahrheit durch eine zweite: Als Regierungspartei hatte die SPD den Bundeswehreinsatz als Aufbaumission verkauft und den Krieg verschwiegen. In der Opposition warnt sie vor dem "Besatzung spielen", als sei das je das Ziel in Afghanistan gewesen. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2010)