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Liebe Leserin, lieber Leser, haben Sie heute schon an Ihr Selbst gedacht und daran, was man für dieses tun könnte? Haben Sie sich vielleicht mit Ihrem Therapeuten, Ihrer Farbberaterin oder Fitnesscoachin unterhalten? Haben Sie die Optionen in Augenschein genommen, die sich für die Gestaltung Ihres Selbst im Moment anbieten? Die Frühjahrsmode, das neue Haarstyling, aktuelle Liebestechniken, der letzte Schrei?

Haben Sie manchmal das Gefühl, keine Identität zu haben, sondern sich diese erst und immer wieder aufs Neue aus verschiedensten Versatzstücken basteln zu können? Fühlen Sie sich flexibel genug, Ihren Beruf, Ihren Wohnort, Ihren Partner zu wechseln, wenn sich bessere Entwicklungschancen anbieten? Denken Sie gerade darüber nach, wie Sie sich für einen potenziellen Arbeitgeber, Ihre Freundin, einen Auftritt, ein Date inszenieren sollen? Sind Sie mit Ihrem Aussehen zufrieden, oder könnte dieses einige chirurgische Adaptionen vertragen? Glauben Sie, dass es dort, wo von Qualitätsmanagement, Wettbewerb, Effizienz, von Leistung und Bonuszahlungen die Rede ist, immer mit rechten Dingen zugeht? Wenn Sie zu einigen dieser Fragen zustimmend genickt haben, dann ist das Buch, das es hier vorzustellen gilt, das Richtige für Sie. Es handelt ausschließlich von Ihnen, Sie sind sein Gegenstand: Der moderne, flexible, mobile, physisch, psychisch und intellektuell nomadisierende, sich selbst gestaltende Mensch der globalisierten Postmoderne.

Der Grazer Soziologe Manfred Prisching hat diesen Menschen und die Gesellschaft, in der er lebt, mit drei plakativen Stichworten charakterisiert: das Selbst, die Maske und der Bluff. Die Grundthese dieses höchst flüssig und mit Amüsement zu lesenden Buches: In den letzten Jahrzehnten hat die moderne Gesellschaft einen Individualisierungsschub erfahren, der alle traditionellen Bindungen und Verbindungen sistierte und den einzelnen zum Unternehmer seiner selbst macht. Das Selbst, seine Entfaltung, Gestaltung und Verwirklichung steht im Zentrum, das Ziel dieses Selbstmanagement ist ein unverwechselbarer, origineller Typ, der Chancen nutzt, das Beste für sich herausholt und im finanziellen Erfolg das einzige Kriterium für sein Handeln sieht.

Aber auch der individualisierte Mensch lebt in einer Gesellschaft. Diese beruht auf einer marktorientierten Ökonomie und Wettbewerbsideologie, die gerade keine wirkliche Individualität, sondern höchste Angepasstheit erfordert. Einverständnis und Affirmation sind die Voraussetzungen für Erfolg in dieser Gesellschaft, nicht Absonderung, Differenz oder Dissens. Der Anspruch auf Originalität muss mit der Notwendigkeit der Konformität versöhnt werden. Dies leistet, so Prisching, die Maske. Unsere Individualität ist "nur" eine Inszenierung nach vorgegebenen Regeln. Wir sind einzigartig, wenn wir das tun, was alle tun, etwa jener Mode folgen, die als besonders individuell gilt.

Allerdings: Niemand ist mehr auf eine einzige Rolle festgelegt, jeder kann mehrere Masken je nach Laune und Gelegenheit tragen. Die normierten Masken, die wir aufsetzen, schaffen in ihrer freien Kombinierbarkeit die Illusion der Individualität. Tatsächlich aber wird das Verhalten der Menschen ohne Eingriffe von oben synchronisiert, hinter den unzähligen Inszenierungen tanzt alles im Gleichklang um das goldene Kalb der Wettbewerbsgesellschaft, den materiellen Erfolg.

Zu den wesentlichsten Momenten dieser Inszenierungen gehört der Bluff. Es gilt stets, mehr zu scheinen, als man ist, es gilt stets, mit Äußerlichkeiten, Erzählungen, Statussymbolen, Zahlen, Statistiken, Umfragewerten und Rankings zu bluffen, sich aufzublähen, von sich nur mehr in Superlativen zu sprechen - das gilt für das unternehmerische Selbst ebenso wie für die dazugehörigen Institutionen. Keine provinzielle Fachhochschule, so Prisching, die sich nicht im Stil akademischer Waschmittelwerbung ihrer weltweiten Reputation, ihres globalen Horizonts und der Karriereträchtigkeit ihrer Studenten rühmt. Rücksichtslose Selbstanpreisung ist eine Grunderfordernis. Alte Tugenden wie Bescheidenheit, Angemessenheit oder Rücksichtnahme haben in dieser Welt nichts mehr verloren.

Das Fundament dieser Gesellschaft beruht selbst auf einem Riesenbluff. Wohl ist überall von Arbeit und Leistung die Rede, tatsächlich aber leben wir, so Prisching, in einer "gambling-society" : Es geht um ein Spiel, das denjenigen, der seine Chancen nützt oder der einfach nur Glück hat, über Nacht zum Millionär machen kann, während alle anderen, auch die, die an Bildung, Qualifikation und Arbeit als Quellen des Erfolgs glauben, zu Verlierern werden. Diese haben dann nur noch eine Chance: Sie müssen sich zu Opfern stilisieren. Neben den Glückskindern des Kasinokapitalismus ist der Opferstatus der einzige, der noch Erfolg verspricht. Der Opfer-Bluff, so Prisching, gehört zu den stärksten Waffen im staatlich regulierten Verteilungskampf.

Prischings Essay gleicht einer Tour de Force durch die Befindlichkeit der Gegenwart. Manchmal mag der Ton etwas apodiktisch erscheinen, das "man", das einen universellen Anspruch verkündet, dominiert. Es sind immer gleich alle, die sich eine Nespresso-Maschine kaufen, die Brust operieren lassen, in Talk-Shows auftreten wollen und den Spielen an der Börse frönen. Prisching gibt zu, dass zu den Quellen seiner Befunde jene einschlägigen Magazine gehören, die man auch in weniger gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen findet. Wohl mag es stimmen, dass diese die Wünsche und Imaginationen ihrer Leserinnen und Lesern korrekt widerspiegeln, die soziale Realität ist das aber noch nicht. Manchmal hält auch Prisching eine vom Zeitgeist aufgeblasene Marginalität für einen Trend, dem sich niemand mehr entziehen kann. Auch der Diagnostiker des Bluffs wird manchmal geblufft.

Mit direkter Kritik an den von ihm mit Verve geschilderten Zuständen hält sich der Soziologe zurück. Der Gefahr, die Vergangenheit zu verklären, entgeht er, auch wenn die Betonung der Differenz zwischen einem "Früher" und der Gegenwart das Buch durchzieht. Aber zwischen den Zeilen ist erkennbar, das ein bisschen weniger Inszenierung, Bluff, Originalitätsrhetorik und Flexibilisierungsgeschwätz und stattdessen die Rückbesinnung auf Werte wie Verlässlichkeit, Wahrhaftigkeit, Fleiß, Konstanz und Bindungsfähigkeit Prisching nicht unlieb wären. (Konrad Paul Liessmann, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.01.2010)