Die britische Untersuchungskommission, die nachzuvollziehen versucht, wie es zur Irak-Kriegsbeteiligung 2003 kam, nähert sich dem Eingemachten. Der damalige Außenminister Jack Straw sagte aus, dass er Premier Tony Blair gewarnt habe, dass vom britischen Standpunkt her das US-Kriegsziel "regime change" illegal sei - und dass damit die "Existenz" der geheimen irakischen Massenvernichtungswaffen umso wichtiger wurde.

Ein Lehrstück bietet die Affäre um die "45-Minuten-Behauptung": In einem Dossier der britischen Regierung wurden irakische Chemiewaffen erwähnt, die "in 45 Minuten einsetzbar" sein sollten. Straw beteuert, er habe daran geglaubt - so sehr, dass er die Frage nie stellte, um welche Waffen es sich da handelte. Geoff Hoon, zu der Zeit Verteidigungsminister, sagte hingegen vor der Kommission aus, er habe damals sehr wohl nachgefragt - und erfahren, dass mit Chemiemunition zu bestückende Granatwerfer gemeint waren, aus der Zeit des Iran-Irak-Kriegs. Er habe sich gewundert, warum die Iraker so lange - ganze 45 Minuten - brauchen sollten, um sie zum Einsatz zu bringen.

Die "45-Minuten-Behauptung" sei die bedeutendste im ganzen Dossier gewesen, sagt Hoon. Bis er aufgeklärt wurde. Aber sein Wissen erreichte die Öffentlichkeit nie. Vielleicht, weil die Medien, wie Straw, es auch nicht so genau wissen wollten: Es war nie von einer kriegsentscheidenden Waffe die Rede, nicht einmal, wenn sie mit Chemiegranaten bestückt gewesen wäre - die es ebenfalls nicht gab. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2010)