Im Jahre null nach der Finanzkrise ist das Vertrauen in marktwirtschaftlichte Lösungen erstaunlicherweise ungebrochen. Die Diskussion über Social Investment und CSR brummt, Social Entrepreneurs sind unser Gott und Organisationen wie Ashoka und die Skoll Foundation sein Prophet. Sie alle werden die Welt retten, wer sonst?

Wenn man nicht in die Lobpreisungen einstimmt, die seit dem Nobelpreis für Mohammed Yunus 2006 weltweit tönen, weil man bezweifelt, dass es privatwirtschaftliche Lösungen für alle sozialen Probleme gibt, läuft man Gefahr, als ewiggestriger Wohlfahrtsstaatsromantiker abgetan zu werden. Dabei ist man bloß gespalten.

Einerseits zeigen unsere Erfahrungen nach drei Jahren "Ideen gegen Armut", einer Initiative von Coca-Cola, WU und Standard im Social-Venture-Bereich, dass es vielen Sozialmanagern völlig an wirtschaftlicher Fantasie mangelt. So innovativ sie bei der Entwicklung neuer Angebote sind, so beschränkt sind sie beim Ausschöpfen von Vermarktungsmöglichkeiten.

Geheimer Eid?

Es gibt offenbar einen geheimen Professionseid: "Niemals nehme ich von jemand anderem Geld als vom Staat." Hier kann man vom Sozialunternehmertum eines Yunus viel lernen. Vieles könnte man auf Märkten verkaufen, und es wird Zeit, Social Investment zu stärken: Die Reichen dieses Landes sollten ihre soziale Verantwortung endlich in dem Ausmaß wahrnehmen, wie dies in den meisten zivilisierten Ländern dieser Welt üblich ist.

Andererseits wissen wir aus vielen Studien, dass eine Ver(betriebs)wirtschaftlichung von sozialen NPOs nicht zu mehr Erfolg führt. Weder werden sie dadurch effizienter, noch erreichen sie ihre Ziele besser. Sie sind weniger flexibel beim Erkennen neuer sozialer Problemlagen, wenn das kein zusätzliches Geld bringt. Sie vernachlässigen Mitglieder und Freiwillige, sie betreiben weniger Interessenvertretung und Integration. Das trägt nämlich weder zur schnellen Skalierbarkeit einer Idee noch zu wirtschaftlichen Erfolgsindikatoren bei.

Unternehmerische Logik, im Schumpeter'schen Sinne innovativ, kreativ und zerstörerisch, unterscheidet sich fundamental von Managementlogik, die methodisch-vernünftig Risiken minimiert und eine Tendenz zum Formalismus hat. Wir brauchen sicher mehr Sozialunternehmer: Menschen vom Schlage eines Georg Sporschill oder einer Ute Bock. Wir brauchen aber auch gute Manager, die diese Projekte durch die Mühen der Ebene bringen. Und wir brauchen Bürokraten, die für Gerechtigkeit sorgen und sicherstellen, dass soziale Dienstleistungen nicht zu Almosen degenerieren, dass Bedürftige einen Rechtsanspruch auf einen bestimmten Lebensstandard haben. Diese drei Typen, die allesamt wichtig für die Gesellschaft sind, sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Die Grenzen des Sozialunternehmertums zeigen sich spätestens bei Katastrophen wie in Haiti. Da verlassen wir uns lieber auf die Bürokraten der Uno, der U.S. Army und Navy, und die geschulten Krisenmanager von Großorganisationen wie dem Roten Kreuz und der Caritas. Helden sind sie alle. (Michael Meyer*, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.1.2010)