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Etwa 50 Observatorien beschickte Carl Friedrich Gauß mit Messgeräten und Direktiven. Seine Briefe an Carl Kreil wurden nun präsentiert.

Fotos: Michor, Archiv; Collage: Fatih Aydogdu

Bisher unbekannte Briefe des genialen Mathematikers Gauß und einige Geräte zur Vermessung der Welt.

Den beiden Mathematikern Peter Michor und Karl Sigmund ist die Freude anzumerken. Sie haben ein unverkennbares Strahlen in den Augen, als sie im hintersten Winkel ihrer Universitätsbibliothek in Kisten kramen und insgesamt sechs bisher unbekannte Briefe eines ganz Großen ihres Fachs hervorzaubern: Briefe von Carl Friedrich Gauß (1777 bis 1855) an den österreichischen Astronomen und Meteorologen Carl Kreil, damals an der Sternwarte in Mailand beschäftigt.

Ebenfalls in den Kisten liegen Messgeräte, in Plastik und Karton verpackt und provisorisch auf Toilettenpapierrollen gebettet, damit sie durch eventuelle Erschütterungen nicht beschädigt werden. Sigmund versucht, dem Laien klarzumachen, welche Geräte das sind. "Darunter finden sich auch einige aus der Werkstatt des zu Gauß' Lebzeiten schon als genial bezeichneten Handwerkers Moritz Meyerstein und eine Kopie des Urmeters." Alles stark verschmutzt. "Da müssen Experten ran, um die Geräte zu säubern", sagt Sigmund.

28 Tage messen

Ihn interessiert vor allem der Inhalt der Briefe: Sie sind Teil einer umfassenden Korrespondenz, die Gauß mit Wissenschaftern führte, die an etwa 50 Observatorien in Europa, Asien, Afrika, Nordamerika und in der Südsee in sei- nem Auftrag Messungen des Erdmagnetfelds und seiner Schwankungen durchführten: von 1836 bis 1841 an 28 Tagen jeweils 24 Stunden lang, und zwar alle fünf Minuten – und gleichzeitig. Gauß wurde dabei unter anderem von seinem Freund, dem Naturforscher Alexander von Humboldt, unterstützt.

"Für uns sind diese Briefe eine Sensation", schwärmt Sigmund. Die Schreiben von Kreil an Gauß seien ja schon lange bekannt. "Nur die Gegenbriefe fehlten." Die Organisation der Vermessung durch den von Gauß und dem Physiker Wilhelm Weber gegründeten Magnetischen Verein in Göttingen sei ein logistisches Meisterstück gewesen angesichts der damaligen Kommunikationsmöglichkeiten: Briefe, die wochen- und monatelang unterwegs waren. Sigmund: "Wie man das ohne E-Mail auf die Beine stellen konnte, ist mir wirklich ein Rätsel."

Weniger rätselhaft als kurios erscheint die Geschichte dieses Funds, der dem Standard exklusiv präsentiert wurde: Carl Kreil, eines der Gründungsmitglieder der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, wurde 1851 Direktor der von ihm gegründeten Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien. Mehr als ein Jahrhundert später entdeckte Peter Melichar, zuletzt Leiter der Abteilung Geophysik auf der Hohen Warte, diesen vergessenen Nachlass, fand aber nicht die Zeit, ihn aufzuarbeiten. Anlässlich seiner Pensionierung im Sommer 2009 bemühte sich Melichar schließlich darum, die Prunkstücke an einen sicheren Ort zu bringen. Ansonsten wäre der Kreil-Nachlass wohl noch dort, wo er gefunden wurde – in einer Rumpelkammer – oder irgendwann auf einem Flohmarkt gelandet.

Nur wo war dieser sichere Ort zu finden? Nach einigem Hin und Her erfuhren Peter Michor, Experte für Differenzialgeometrie, und der Spieltheoretiker Karl Sigmund von dem wissenschaftlichen Schatz. Sigmund, der mit dem Wissenschaftshistoriker Mitchell Ash zusammenarbeitet, hofft auf die Mitarbeit von Experten – und erklärt bescheiden: "Wir können den wahren Wert dieses Fundes ja nur erahnen." Die Historikerin Karin Reich, die 1977 ein Standardwerk über Gauß anlässlich seines 200. Geburtstages schrieb, habe jedenfalls als erste Reaktion auf die Nachricht begeistert reagiert.

Sigmund und Michor selbst denken im Zusammenhang mit den Gauß-Briefen an Themen für Abschlussarbeiten der Mathematik-Studenten – und werden auch selbst ein Paper verfassen. Und sie schlagen vor, den Fund in Schaukästen zu präsentieren.

Erfolgreiche Vermessung

Die so akribisch vorbereitete globale Messung der Erdmagnetfeldschwankungen war erfolgreich. Die Daten wurden von den wissenschaftlichen Mitarbeitern nach Göttingen zu Gauß und Weber gebracht, die sie auswerteten und die Ergebnisse in einem mehrbändigen Werk dokumentierten. Ihr Fazit: Das Magnetfeld schwankt, und es schwankt überall gleich. Gauß erkannte schon damals, dass die Schwankungen von außen kommen. Heute weiß man, dass der Sonnenwind die Ursache für diese Unregelmäßigkeiten ist. Dem genialen Mathematiker war diese Erkenntnis allerdings verwehrt. (Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 27.01.2010)