Der Familien-, Jugend- und Alternsforscher Leopold Rosenmayr wird 85.

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Wien - Für die Medien ist er der "Alternsforscher der Nation". Tatsächlich ist das wissenschaftliche Werk des Wiener Soziologen Leopold Rosenmayr - der am 3. Februar seinen 85. Geburtstag feiert - wesentlich breiter. Seine rund 50 Seiten starke Publikationsliste umfasst Arbeiten zur Jugendforschung ebenso wie Studien über Familien- oder Gemeindesoziologie und neuerdings auch sozialwissenschaftliche Kommentare zur Evolutionstheorie. Nicht zuletzt untersucht der studierte Philosoph und praktizierende Soziologe auch die Auswirkungen der Globalisierung auf afrikanische Stammesgesellschaften.

Von Ruhestand hält Rosenmayr nicht viel. "Man sollte sich Bedingungen schaffen, dass die Müdigkeit einen nicht zu lähmen beginnt", ist sein Rat für das Alter. Und so setzt sich der Soziologe auch mit 85 noch Ziele: So will er sein in Rohform bereits vorliegendes Buch "Jugend im Krieg" zur Publikation aufbereiten. Darin geht es um das komplizierte Leben als Dolmetscher in der deutschen Wehrmacht am Balkan in den Jahren 1942 bis 1945, für Rosenmayr ein "Selbstexperiment", eine Autobiografie mit dem Hintergrund eines Soziologen.

Schon 2007 hat Rosenmayr, geboren am 3. Februar 1925 in Wien, seine Erinnerungen und Erlebnisse an seine Kindheit und Jugend in den 1930er-Jahren in Wien verarbeitet. In dem Buch "Überwältigung 1938. Frühes Erlebnis, späte Deutung" (Böhlau Verlag) berichtet er über seine Erinnerungen an Armut, ideologische Spannungen und politische Kämpfe in Wien-Favoriten. Es waren nicht zuletzt diese Erlebnisse und die Konfrontation mit ideologischer Indoktrinierung und Gewalt als Wehrmachts-Dolmetsch, die Rosenmayr in der Nachkriegszeit nach einem wissenschaftlichen Verständnis von Politik suchen ließen.

Zuerst studierte er dazu Philosophie, wurde 1949 promoviert und absolvierte bis 1953 seine Lehr- und Wanderjahre in Frankreich und den USA. Sein Schwenk von der Philosophie zur Soziologie resultierte aus dem Wunsch, "Brücken zur Gesellschaft" schlagen zu wollen, und durch praxisorientierte Sozialstudien zum geistigen Wiederaufbau des Landes beitragen zu können. Von seinen Auslandsaufenthalten brachte er dazu die Methoden moderner Sozialforschung nach Österreich. So arbeitete er erstmals in Österreich mit sozialwissenschaftlichen Mikrozensen, also statistischen Erhebungen der Bevölkerung, und konzipierte empirisch-soziale Feldinterviews in Kooperation mit Psychologie und Tiefenpsychologie. Mit der Gründung einer "Sozialwissenschaftlichen Forschungsstelle" an der Universität Wien im Jahr 1954 war er entscheidend an der Wiederbelebung der empirischen Sozialforschung in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt.

International begehrter Berater

1963 wurde Rosenmayr Professor für Soziologie und Sozialphilosophie an der Uni Wien. Mit den Schwerpunkten Jugendforschung, Alterssoziologie und dem Verhältnis der Generationen machte er sich rasch einen Namen und wurde zum begehrten Berater, auch international. Als Mitglied der österreichischen Statistischen Zentralkommission, als Berater und Autor mehrerer Regierungsberichte, wie Familien- oder Frauenberichte, hat der Wissenschafter grundlegend an gesellschaftspolitischen Entscheidungen mitgewirkt. Für diesen Praxisbezug, der sich wie ein roter Faden durch sein wissenschaftliches Werk zieht, wurde Rosenmayr auch außerhalb Österreichs mehrfach ausgezeichnet. Rosenmayrs Interesse an afrikanischen Kulturen führte ihn ab den 1980er-Jahren immer wieder nach Afrika. Einen Schwerpunkt bildeten die Kulturlandschaften im westafrikanischen Staat Mali.

In den Massenmedien bekannt wurde er vor allem durch seiner Arbeit in der Alternsforschung. Er leitete das Ludwig Boltzmann-Institut für Sozialgerontologie und Lebenslaufforschung in Wien, 1983 schrieb er ein Buch über die bis dahin unerforschten Kräfte des Alters ("Die späte Freiheit"). "Hoffnung statt Depression" lautet eine seiner Devisen für das Alter, veröffentlicht etwa 2003 gemeinsam mit dem Geriatrie-Experten Franz Böhmer in dem Buch "Hoffnung Alter - Forschung, Theorie, Praxis". Darin setzen sich die Autoren mit den medizinischen und sozialen Herausforderungen des immer höheren Lebensalters der Menschen auseinander. (APA)