"Grundlagenforschung systematisch weniger zu fördern würde die tragenden Fundamente der Innovation insgesamt zerstören, und das bedeutete enorme langfristige Schäden", warnt Rudolf Grimm.

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STANDARD: Waren Sie sehr überrascht, dass Sie von den Mitgliedern des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zum österreichischen Wissenschafter des Jahres gewählt wurden?

Rudolf Grimm: Ja, ich war total überrascht. Ich hab mir dann angeschaut, an wen diese Auszeichnung verliehen wird - nämlich an Forscherinnen und Forscher, die sich "besonders um die leicht verständliche Vermittlung ihrer Arbeit verdient gemacht und damit auch das Image der österreichischen Forschung in der breiten Öffentlichkeit gehoben haben". Da musste ich schon überlegen, warum ausgerechnet ich diesen Preis gekriegt habe und was der Grund für die Auszeichnung gewesen sein könnte.

STANDARD: Sie hatten 2009 immerhin einige spektakuläre internationale Erfolge, zuletzt die Erzeugung des weltweit ersten Bose-Einstein-Kondensats aus Strontium...

Rudolf Grimm: ...was für uns insofern besonders spannend war, weil es da einen richtigen Wettlauf mit einem US-amerikanischen Team gab. Wir wussten, dass die ziemlich genau so weit waren wie wir. Am Ende kamen wird dann doch 10 Tage schneller ans Ziel. Aber es gab 2009 noch eine andere wichtige Sache: die Beobachtungen von sogenannten Efimov-Zuständen, was für mich eine ganz besondere Geschichte war.

STANDARD: Inwiefern?

Rudolf Grimm: Diese quantenmechanischen Zustände wurden bereits vor 40 Jahren vom russischen Physiker Vitaly Efimov vorhergesagt, der zwischenzeitlich beinahe für verrückt erklärt worden wäre. Uns gelang dann 2006, diese von ihm vorhergesagten Zustände erstmals zu beobachten. 2009 kam dann dieses Gebiet so richtig in Schwung - nicht zuletzt auch mit neuen Beobachtungen von uns, die wir auch breiter zu kommunizieren versuchten.

STANDARD: Was Sie und Ihre Kollegen in Innsbruck machen, ist reine Grundlagenforschung. Besteht da je eine Hoffung auf Anwendung?

Rudolf Grimm: Ein Wesensmerkmal der Grundlagenforschung ist, dass man nicht genau sagen kann, welche Auswirkungen sie einmal haben wird. Zugleich weiß man aber auch, dass fast alle tiefgreifenden technologischen Neuerungen aus der Grundlagenforschung stammen. Beispiele dafür sehe ich bei uns insbesondere in der Quantenoptik. Da haben meine Kollegen Peter Zoller und Hans Briegel konzeptionell wirklich Bahnbrechendes geleistet und das Team um Rainer Blatt ist experimentell weltweit an vorderster Front mit dabei.

STANDARD: Und was könnte dabei rauskommen?

Rudolf Grimm: Der Quantencomputer, der in ferner Zukunft tatsächlich so eine radikale technologische Innovation darstellen könnte. Zu dessen Realisierung sind in Innsbruck in den vergangenen Jahren einige wesentliche Schritte gelungen. Und es kann gut sein, dass man sich in vielen Jahrzehnten darüber lustig machen wird, mit welchen archaischen Instrumentarien man am Beginn des 21. Jahrhundert in Innsbruck die Grundsteine für den Quantencomputer legte.

STANDARD: Haben Sie eine Erklärung dafür, wie ausgerechnet Innsbruck zu einem solchen Zentrum der Quantenphysik werden konnte?

Rudolf Grimm: Da haben viele Dinge eine Rolle gespielt. Im Grunde ging es vor ziemlich genau 20 Jahren los, als Anton Zeilinger nach Innsbruck berufen wurde. Danach kam Peter Zoller aus den USA nach Innsbruck zurück, Rainer Blatt erhielt eine Professur, weitere sinnvolle Ergänzungen folgten und so konnte sich das alles kontinuierlich entwickeln - mit exzellenten Forschern, die miteinander können. Das ist sehr wichtig. Wichtig war auch die Finanzierung eines FWF-Spezialforschungsbereichs, worauf wieder mehr Unterstützung seitens der Universität erfolgte und es zur Gründung eines Instituts der ÖAW kam. Im Grund ist das ein sehr schönes Beispiel, wie eine erfolgreiche Sache sinnvolles Wachstum erfährt und nicht aus dem Boden gestampft wird. Im Moment sind wir allerdings in einer etwas schwierigen Situation.

STANDARD: Inwiefern?

Rudolf Grimm: Es ist zu beobachten, dass wir in Sachen Grundlagenforschung in Österreich ganz allgemein an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Konkret merken wir hier in Innsbruck, dass wir in der direkten Konkurrenz um die sehr guten Post-Docs und Dissertanten international nicht mehr so gut dastehen wie noch vor einem Jahr.

STANDARD: Woran liegt das?

Rudolf Grimm: In vielen Ländern hat man auf die Krise damit reagiert, dass man Forschung noch stärker förderte. In Deutschland zum Beispiel gibt es die Exzelleninitiative, bei der Spitzenforschung an Universitäten Zusatzförderungen erhalten. Es ist dümmlich, dass wir hier in Österreich nach diesem gewaltigen Aufholprozess der letzten zehn Jahre diese Wettbewerbsfähigkeit so leichtfertig wieder verspielen. Das ist tatsächlich eine Sorge.

STANDARD: Was würden Sie also der neuen Wissenschaftsministerin raten?

Rudolf Grimm: Vor allem sollte sie für eine gute Balance zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung sorgen, die im Moment in Gefahr ist. Man darf Grundlagenforschung nicht gegen angewandte Forschung ausspielen und umgekehrt. Wir brauchen die gesamte Palette. Grundlagenforschung systematisch weniger zu fördern, würde die tragenden Fundamente der Innovation insgesamt zerstören, und das hätte enorme langfristige Schäden. Es wäre sehr wichtig, auch in Krisenzeiten die Mittel offensiv einzusetzen- die paar Hundert Millionen, die dafür nötig wären, sind im Vergleich mit Hypo Alpe Adria ja fast lächerliche Beträge.

STANDARD: Und haben Sie auch Ratschläge im Hinblick auf die Universitäten?

Rudolf Grimm: Da hielte ich es für wichtig, dass sich der Leistungsgedanke noch stärker durchsetzt. Wir müssen uns einfach international messen. Die internationale Dynamik ist gewaltig. Ich war vor einigen Wochen in China, und was da im Moment an den Unis passiert, ist gigantisch. Wir laufen wirklich Gefahr, im nächsten Jahrzehnte überholt zu werden und dann völlig den Anschluss zu verlieren.

STANDARD: Wie frei soll der Hochschulzugang Ihrer Meinung nach bleiben?

Rudolf Grimm: Wenn man viel im Ausland unterwegs ist, weiß man, dass an den meisten guten Unis die Studien sehr viel teurer sind. Dafür bin ich nicht. Ich bin ein Anhänger eines weitgehend freien Hochschulzugangs. Aber die Studenten sollten auch zu spüren bekommen, dass das Studium etwas wert ist und man einen gewissen Selbstbehalt leisten sollte - aber sozial abgefedert.

STANDARD: Und Studienbeschränkungen?

Rudolf Grimm: Es sollte jedenfalls verhindert werden, dass sich in bestimmten Massenstudien allzu krasse Missverhältnisse zwischen der Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarkts und der Zahl Studierenden ergeben, auch durch die Numerus-clausus-Flüchtlinge aus anderen Ländern. Das muss abgestellt werden. Durch die Probleme übersieht man leicht, dass viel gut funktioniert.

STANDARD: Tut es das?

Rudolf Grimm: Die Forschung an den Unis funktioniert - zumindest bis jetzt - überraschend gut und ist in vielen Bereichen international kompetitiv. Und das hat wiederum positive Rückwirkungen auf die Universitäten insgesamt. Grundsätzlich sehe ich das Problem, dass die negativen Dinge, die man über die Unis hört, in gewisser Weise auf den Zustand der Grundlagenforschung übertragen werden. Das halte ich für völlig ungerechtfertigt. Da jetzt zu sparen - also etwa die geplanten Overheads bei FWF-Projekten wieder zu streichen - halte ich für kontraproduktiv.

STANDARD: Warum sind diese Aufschläge bei eingeworbenen Projekten, der direkt an die Unis geht, so wichtig?

Rudolf Grimm: Jetzt herrscht das Problem, dass man als Drittmitteleinwerber an den Universitäten im extremen Fall zu einer Art Störenfried wird, weil die Universität selbst noch etwas für die Grundausstattung, also etwa die Laborinfrastruktur dazulegen muss, damit das Projekt überhaupt durchgeführt werden kann. Deshalb wäre die Einführung der Overheads enorm wichtig. Damit hätten such die Universitäten etwas davon, wenn sich gute Forscher um streng nach Qualität vergebenen Drittmittel bewerben. (DER STANDARD, Printausgabe, 03.02.2010)