Jenseits aller Gattungsgrenzen: Gerhard Rühm. Experimenteller Autor, Dramatiker, Prosaschriftsteller und Mitglied der Wiener Gruppe.

Foto: Robert Newald

Wien - Vielseitigkeit bestimmt das Werk Gerhard Rühms ebenso wie sein Credo, dass Funktion und Berechtigung von Kunst in der Innovation liegt. Vielseitigkeit bedeutet Intermedialität, nicht bloßes Nebeneinander verschiedener künstlerischer Tätigkeiten, sondern die Auflösung von Grenzen, das Schaffen neuer Hybride.

In der Wiener Kunstszene ist Rühm genau wie H. C. Artmann etwa so um 1950 erstmals in Erscheinung getreten. Als Komponist, schließlich ist er Sohn eines Musikers, Rühm studierte auch Klavier und Komposition. Die Freundschaft mit dem Dichter Artmann führt zu ersten, vom Dadaismus beeinflussten Laut- und Wortgestaltungen, nach und nach gesellen sich Konrad Bayer, Jazzmusiker Oswald Wiener und Architekt Friedrich Achleitner zum Kreis der experimentellen Kunstproduzenten.

Als Dichtergruppe werden sie erst 1958 tituliert, die wichtigsten Gemeinschaftsarbeiten entstehen zwischen 1954 und 1960. Jenseits aller überkommenen Gattungsgrenzen entwickeln sie eine Poesie, in der Sprache von Inhalten befreit und auf ihre Materialität reduziert wird. Rühm geht es nicht nur um gesprochene und geschriebene Sprache, sondern auch um die visuelle Dimension: von der konkreten und konzeptionellen zur visuellen Poesie. Im Unterschied zu seinen Mitstreitern in der Wiener Gruppe interessiert sich Rühm für Theorie: Die literarischen wie aktionistischen Auftritte, die Lieder, Typocollagen und Fotomontagen stehen in der sprachkritischen Tradition von Fritz Mauthner oder des Neopositivismus eines Ernst Mach.

Zu seinem 80. Geburtstag am 12. Februar trägt Rühm morgen Solotexte sowie gemeinsam mit seiner Frau Monika Lichtenfeld Sprechduette vor. Noch bis 27. Februar gibt es in der Galerie Altnöder die Ausstellung Sichtwechsel zu sehen: zumeist neue Arbeiten mit erotischen Motiven, Collagen aus Illustriertenfotos, bei denen Teile ausgeschnitten sind, mittels Zeichnung oder Schrift ergänzt wurden. Ein lustvolles Spiel mit diversen Materialien und Techniken rund um ein lustbetontes Thema. (Gerhard Dorfi, DER STANDARD/Printausgabe, 03.02.2010)