Aus Schneekanonen werden dichte Eiskügelchen gesprüht. Die Technologie der Zukunft verspricht hingegen Pulverschnee aus dem Generator - weich, flockig und ressourcenschonend.

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Den Schnee von Washington hätten sie in Vancouver gerne. Doch in der Olympiastadt ist es vier Grad wärmer als im langjährigen Durchschnitt, der ungewöhnlich warme Pazifik schickt Tiefdruckgebiete in die Berge - es regnet. In niedrig gelegenen Skigebieten wie Cypress Mountain (900 Meter) schmilzt der Schnee dahin. Doch man habe vorgesorgt, versichert Cathy Priestner Allinger, Vize-Präsidentin des Organisationskomitees Vanoc: Schon vor dem Wetterumschwung im Jänner wurde Kunstschnee auf Vorrat produziert, 95 Millionen Liter Wasser wurden zu Kunstschnee verarbeitet. Tonnenweise bringen nun Lkws und Hubschrauber den Schnee nach Cypress Mountain, wo die Snowboard- und Freestyle-Bewerbe ausgetragen werden. 7200 Euro pro Stunde kostet der Schneetransport.

Die Kunstschnee-Produktion als olympische Disziplin? Rekordverdächtig ist sie allemal, wie Zahlen aus dem Alpenraum zeigen: Für die Grundbeschneiung von einem Hektar Pistenfläche braucht man eine Million Liter Wasser (1000 Kubikmeter). Die internationale Alpenschutzkommission Cipra hat den Verbrauch für die alpinen Skigebiete errechnet: Bei 23.800 Hektar beschneibaren Flächen in den Alpen werden pro Jahr rund 95 Millionen Kubikmeter Wasser zu Kunstschnee verarbeitet. Das entspricht dem jährlichen Wasserverbrauch einer Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern. Der Gesamtenergieverbrauch der Beschneiungsanlagen komme, so der Hintergrundbericht der Cipra, dem Jahresverbrauch von 130.000 Vier-Personen-Haushalten gleich.

Weniger Ressourcenverbrauch und bessere Schneequalität verspricht nun eine neue Technologie, die Wissenschafter der Technischen Universität Wien und der Universität für Bodenkultur gemeinsam entwickelt und zum Patent angemeldet haben. Mit dem "Dendrite-Generator" soll "Pulverschnee für alle" erzeugt werden, verspricht Michael Bacher, Lawinen- und Naturgefahrenexperte an der Boku.

Pulverschnee für alle

"Wir schaffen in einem Behälter meteorologische Bedingungen wie in einer Wolke", erklärt Bacher. Durch das Vermischen von kalter und feuchter Luft wird im Behälter eine gesättigte Atmosphäre geschaffen, in der Eiskeime entstehen können. Die Eiskristalle wachsen durch die ständige Zufuhr von Feuchtigkeit und werden dabei in Schwebe gehalten. So entstehen aus den Eisteilchen Schneekristalle. Bei den Kristallen bevorzugt man die dendritische Form: Schneeflocken, sternförmig wie aus dem Bilderbuch. Der so geschaffene "Powder" wird durch das obere Ende des Behälters mittels Unterdruck aus dem Behälter geblasen.

Konventioneller Kunstschnee besteht im Gegensatz zum pulvrigen Generatorschnee aus runden, sehr dichten gefrorenen Wassertröpfchen, Hagelkügelchen ähnlich. Kunstschnee hat eine Dichte von 500 Kilogramm pro Kubikmeter (Naturschnee: 80 Kilogramm pro Kubikmeter) Die Kunstschneedecke komme einer natürlichen Eisdecke sehr nahe, sagt Bacher. Mit Nachteilen für Flora und Fauna: Sie bleibt länger liegen als eine natürliche Schneedecke und stört dadurch die natürliche Vegetationsdauer. Miterfinder Meinhard Breiling vom Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen an der TU nennt einen weiteren Vorteil von naturidentem Kunstschnee: "Er ist weicher, und damit sinkt die Verletzungsgefahr." Durch die geringe Dichte des Kunst-Pulverschnees brauche man zum Ausblasen und Aufbringen auch keine leistungsstarken Düsen und Propeller mehr, Wasser- und Energiebedarf könnten um die Hälfte reduziert, die Lärmentwicklung verhindert werden.

Dass die leichten Schneeflocken dorthin geblasen werden, wo man sie braucht, sei eine "Challenge", sagt Bacher. "Die Entwicklung des Generators wird sicher noch 45 Monate in Anspruch nehmen", skizziert Breiling den Zeithorizont. Finanziell unterstützt wird die Entwicklungsarbeit durch Prize, die Prototypenförderung des Wirtschaftsministeriums. Bis zur Markteinführung 2013 soll feststehen, welche Produktlinie zuerst gestartet wird: Out- oder Indoor.

Ideal für Indoor

Denn der Pulverschnee aus dem Generator eigne sich, ist Breiling überzeugt, ideal für Indoor-Skianlagen. Mit Skihallen in den Städten könnte man Kinder und Jugendliche für den Wintersport begeistern. Einsetzen ließe sich die neue Technologie auch für die kleinflächige Beschneiung von Park- und Gartenanlagen.

Die Nachfrage für Pistenbeschneiung hält Breiling für gesichert: "Unsere Arbeit ist ja quasi eine Bestellung der Wintersportindustrie." Die Beschneiungsanlagen der Zukunft sollen, so der Wunsch der Liftgesellschaften, kostengünstig im Betrieb sein und auch bei höheren Temperaturen schneien können. Bis null Grad könne der Dendrite-Generator Schnee erzeugen, sagt Meinhard Breiling. Ein weiterer Vorteil für die Anlagenbetreiber: "Sie können die bestehende Leitungsinfrastruktur auch für die neuen Anlagen weiterbenutzen." Ersetzt werden müssten nur die Schneekanonen.

2009 investierte die österreichische Seilbahnbranche insgesamt 163 Millionen Euro in Ausbau und Modernisierung von Schneeanlagen. (Jutta Berger/DER STANDARD, Printausgabe, 10.02.2010)