"Unsere Kinder sind zu dick, zu aggressiv und zu faul" - wenn da nicht eine Ganztagsschule eine gute Idee ist?

Ein Beispiel: die körperliche Leistungsfähigkeit unserer Sprösslinge und hoffentlich zukünftigen Pensionszahler. War der kleine Thomas vor zwanzig Jahren in der letzten Schulstunde schon voller Vorfreude auf Futtern bei Muttern, überlegt die kleine Julia, welches Snackpack wohl das siebte Ü-Ei enthält. Dass Essen in der Kantine meist nicht den Nährwert eines Schuhkartons übersteigt, wird ein Jamie Oliver auch nicht so schnell ändern können. Dass die armen Kinder sich dann nicht mehr rühren können, ist nicht verwunderlich. Sieht man, wie viel Liebe und Leckereien die Haustiere des Landes bekommen, weil ihre Besitzer glauben, ihnen damit ihre Zuneigung zu zeigen, anstatt sich mit ihnen zu beschäftigen, ist es verwunderlich, dass unsere Kinder jetzt erst von der Bohnenstange zum Germknöderl mutiert sind.

Eine Ganztagsschule kann eine Erleichterung für berufstätige Eltern sein - allerdings stellt sich die Frage, ob es tatsächlich so sinnvoll ist, sein mitten in der Entwicklung steckendes Kind den ganzen Tag einzusperren. Eine Schule mit ganztägiger Betreuung ist durchaus zu befürworten, ein Konzept, das ganztägigen Unterricht vorgibt, ist mehr als bedenklich. Auch wenn es sich um Extremfälle handeln mag, die in den Medien angeprangert werden: übergewichtige und aggressive Kinder in einer Ganztagsschule unterzubringen, wird einen negativen Effekt auf deren Entwicklung haben.

Die Erziehung eines Kindes ist Sache der Eltern - und dazu gehört auch gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, der respektvolle und verantwortungsbewusste Umgang mit anderen und der Umwelt und einiges mehr. Wie man das alles in den paar Stunden, die einem mit dem Kind bleiben, unterbringen soll - neben einem 40-Stunden-Job, dem Haushalt, sozialen Kontakten und Privatleben -, ist eine andere Frage. Aber diese Aufgabe darf und soll nicht auf Lehrkörper abgeschoben werden. (Stephanie Gründler, derStandard.at, 10.2.2010)