Streiten über Dollfuß: Kurt Bauer, Oliver Rathkolb, Andreas Khol, Wolfgang Moitzi und Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid (v. li.).

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Wien - Arbeitermörder, Patriot, Imitationsfaschist - noch heute fallen die Zuordnungen für den Ständestaat-Kanzler Engelbert Dollfuß je nach politischem Lager eindeutig aus. Dass die Gräben zwischen Rot und Schwarz tief sein können, zeigte die Standard-Diskussion am Donnerstagabend - einen Tag vor dem 12. Februar, an dem der Bürgerkrieg 1934 begann. Auf der einen Seite: der frühere Nationalratspräsident Andreas Khol von der ÖVP, auf der anderen Wolfgang Moitzi, Chef der Sozialistischen Jugend Österreichs.

Den Titel der Veranstaltung "Wieso wird immer noch über Dollfuß gestritten?" - moderiert von Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, besucht von rund 280 Gästen - bestätigend, blieben sie in ihrer Bewertung unnachgiebig: "Ich wehre mich mit allen Fasern gegen den Begriff Austrofaschismus" , sagte Khol. Das sei eine "Verharmlosung des Nationalsozialismus" , ärgerte er sich und sprach lieber von einer "weichen Demokratie" . Dollfuß sei "Patriot" und "Märtyrer" als erstes Opfer der Nationalsozialisten gewesen.

Eben nicht, konterte Moitzi und nannte Dollfuß "Arbeitermörder" . Und sicher nicht Märtyrer, denn: "Bringt ein Mafiapate einen anderen Mafiapaten um, so bleibt er dennoch ein Mafiapate."

Mit Oliver Rathkolb und Kurt Bauer saßen auf dem Podium im Wien Museum zwei Historiker, die für die Versachlichung des emotionalisierenden Themas kämpften. "Begraben wir Engelbert Dollfuß noch ein zweites Mal" , sagte Rathkolb. Das sei "nötig, um den Diskurs voranzutreiben" . Dollfuß stünde am Ende einer "antidemokratischen Entwicklung, so der Historiker: "Er ist der Exekutor."

Bauer versuchte, Mythen zu relativieren: Dollfuß als erstes Opfer? "Es gab schon vor ihm Opfer Hitlers." Und: Das Dollfuß-Regime habe versucht, "mit den Nationalsozialisten in Deutschland ins Geschäft zu kommen" .

Rathkolb wiederum, der nicht ständig über "Traditionspflege reden" wollte, holte das Thema ins Hier und Heute. Als einer von 97 Forschern, die in einem offenen Brief (der Standard berichtete) die Politik aufgeforderten haben, endlich die Opfer des Dollfuß-Regimes zu rehabilitieren, legte er auch gleich ein "Zieldatum" vor: "Ich würde mir als sehr schönes Datum den 22. Jänner 2011 wünschen, den 100. Geburtstag von Bruno Kreisky" , der selbst bekanntlich Dollfuß-Opfer war.

Wer von Khol Widerspruch in dieser Frage erwartete, wurde enttäuscht. Wie bei der mittlerweile vollzogenen Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure, zeigte er sich auch hier aufgeschlossen. "Wenn es Handlungsbedarf gibt, sollte man darüber reden. Und die vielleicht finden, bei denen noch Wunden zu heilen sind."

Einig war man sich, dass Einzelfallprüfungen notwendig seien, damit man nicht auch "Nazis exkulpiert" (Khol). Vor einer Herangehensweise an das Thema warnte der Ex-Nationalratspräsident: "Wenn man mit Schuld argumentiert, sitzen wir noch in 100 Jahren hier." Am 17. Februar wird im Justizausschuss jedenfalls weiter verhandelt. (Peter Mayr, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.2.2010)