Im Gespräch mit Journalisten: EU-Außenministerin Catherine Ashton im Flugzeug unterwegs vom EU-Gipfel in Brüssel zum Opernball nach Wien. Daneben: Gastgeber Werner Faymann.

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Eine politisch kleinwüchsige EU sieht sie nicht. Im Atomstreit mit Iran müsse der UN-Sicherheitsrat endlich handeln.

Brüssel/Wien – Lady Ashton mag es schlicht. Ein Sekretär, eine Mitarbeiterin, ein Leibwächter. Mehr Anhang bringt sie nicht mit. Normalerweise zeigen Amtsträger ihres Kalibers gerne die gesamte Palette der Insignien politischer Macht vor. Baroness Catherine Ashton of Upholland aber, die neue Außenministerin der EU, scheint die Horden gestresster Anzugträger, Sirenen, Blaulichter und das ganze andere Bling-Bling nicht zu brauchen. Suchte man einen Namen für personifiziertes britisches Understatement, es müsste wohl der ihre sein.

Donnerstagabend, Flughafen Brüssel: Die Jets der Staats- und Regierungschefs warten nach dem EU-Gipfel auf ihre Starterlaubnis. Ashton fliegt in der Maschine von Bundeskanzler Werner Faymann mit nach Wien. Opernball. Die Stimmung ist gelöst. Das erste Sondertreffen in der neuen Lissabon-Ära ist ohne größeres Missvergnügen über die Bühne gegangen. Ashton, die seit Dezember Hohe Repräsentantin des Rates und seit Februar auch Vizepräsidentin der EU-Kommission ist, hat sich bisher in der Öffentlichkeit bedeckt gehalten. Im Flieger nach Wien erläutert sie vor Journalisten erstmals ihre Pläne.

"Ich habe drei Prioritäten: Erstens den Europäischen Auswärtigen Dienst implementieren, der für Sicherheit und Stabilität in Europa und der Welt sorgen soll. Wir müssen zweitens relevant sein für unsere unmittelbaren Nachbarn, denn das bestimmt das Urteil darüber, wie effektiv die EU ist. Und drittens müssen wir ebenso relevant sein für unsere strategischen Partner USA, China oder auch Brasilien." Ob sie Henry Kissinger denn schon ihre Telefonnummer zukommen lassen habe? Ashton lächelt: "Ich habe Henry schon auf einer Veranstaltung gesehen, aber meine Telefonnummer hat er noch nicht. Dafür telefoniere ich ziemlich viel mit Hillary Clinton."

"Mit einer Stimme sprechen"

Den Vorwurf, die EU sei ein wirtschaftlicher Riese und ein politischer Zwerg, will sie nicht auf sich sitzen lassen: "Ich fühle mich jedenfalls nicht als Zwerg! Es ist nur wichtig, dass wir nach außen mit einer Stimme sprechen." Als Soft Power wahrgenommen zu werden, impliziere ja noch nicht, dass Europa nicht robust eingreifen könne. Und als politische Optionen stünden nicht nur Soft oder Hard Power zu Verfügung. "Die Frage ist vielmehr: Welche Mittel und Instrumente sind effektiv?"

Mit welchen Mitteln also soll im Atomstreit mit dem Iran eine Lösung gefunden werden? Ashton: "Wir müssen das Problem wieder in den UN-Sicherheitsrat bringen. Alle anderen Versuche haben bisher keinerlei Erfolg gebracht." Das sei, auch wenn etwa der chinesische Außenminister, mit dem sie unlängst zusammengetroffen sei, weiterhin Gespräche mit Teheran führen wolle, in dieser Situation die einzig angemessene Vorgangsweise.

Schon beim Gipfel selbst hatte die Außenministerin der Union eine militärische EU-Mission für Haiti vorgeschlagen. Diese soll, wie sie präzisiert, vor allem Pionierleistungen wie Wasseraufbereitung und Unterkünfte für rund 100.000 Menschen umfassen, die nach wie vor ohne adäquate Versorgung sind. Darum hätten Haiti und die Vereinten Nationen gebeten. Österreich sei nicht konkret um Truppen angefragt worden, aber Kanzler Faymann signalisiert gleich im Flugzeug grundsätzliche Bereitschaft, Unterstützung zu gewähren.

Bleibt noch die Frage nach den grundsätzlichen Zweifeln an ihrer fachlichen Eignung, die nach ihrer Nominierung durch die europäischen Sozialdemokraten so vehement laut wurden. Ihren Kritikern begegnet sie so ruhig wie jenem ORF-Ballreporter, der sie später auf dem Opernball unentwegt mit "Ma'am" ansprechen sollte. Zu Letzterem sagt sie: "Sie können mich nennen, wie Sie möchten." Erstere, die Kritiker, lässt sie wissen: "Seht euch an, was ich bisher gemacht habe. Und beurteilt mich nach dem, was ich jetzt tue. Wait and see." (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 13.2.2010)