Mouhanad Khorchide predigte selbst als Imam in einer Wiener Moschee und sagt dazu: "Ich finde es sehr wichtig, dass der Imam keine Autorität ist, die die Menschen bevormundet."

Foto: Heribert Corn

STANDARD: Im Jänner 2009 sorgten Sie mit Ihrer Dissertation über Islamlehrer in Österreich für Wirbel. Demnach ist ein Fünftel der Islamlehrer gelinde gesagt demokratie-skeptisch, und schlecht ausgebildet noch dazu. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich sprach von "Diffamierung" . Jetzt stehen Sie kurz davor, an der Universität Münster in Deutschland den Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik zu bekommen. Sie sind der Wunschkandidat der Uni und des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums und wurden für die Professur auf Platz eins gereiht. Ist das eine Flucht vor den Verhältnissen in Österreich?

Khorchide: Es ist keine Flucht. Ich habe mich vor eineinhalb Jahren, noch vor Veröffentlichung der Studie, beworben und sehe das als große Verantwortung. Natürlich freue ich mich schon, weil ich merke, dass auch die muslimischen Verbände in Deutschland meine Qualifikation als Islamwissenschafter und muslimischer Theologe viel mehr schätzen als die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich. Ich hätte, gerade was Islam betrifft, viel mehr geben können in Österreich, wenn mir seitens der Glaubensgemeinschaft mehr Raum geboten worden wäre.

STANDARD: Da höre ich einen Vorwurf in Richtung Islamischer Glaubensgemeinschaft in Österreich.

Khorchide: Mein Vorwurf an die Islamische Glaubensgemeinschaft betrifft nicht nur meine Person, er ist allgemein. Es wird nicht primär auf die Qualifikation der Menschen geschaut. Ich erinnere an den Vorarlberger Lehrer Aly El Ghoubashy, der entlassen wurde, weil er in einem Standard-Gastkommentar Kritik übte. Dabei ist er einer der bestqualifizierten islamischen Religionslehrer im Land. Es wäre schön, wenn wir in Österreich eine Kultur des inner-islamischen Dialogs auch über theologische Inhalte hätten.

STANDARD: Was soll Ihr künftiger Lehrstuhl an der Uni leisten?

Khorchide: Das wichtigste Ziel wird sein, möglichst viele, sehr hoch qualifizierte Religionslehrerinnen und -lehrer für den islamischen Religionsunterricht zu qualifizieren. In Deutschland wird der islamische Religionsunterricht für die circa 700.000 muslimischen Schülerinnen und Schüler bald flächendeckend eingeführt. Dafür wird man in den nächsten Jahren zwischen 2000 und 5000 Lehrer brauchen. Außerdem ist an der Uni Münster eine Imame-Ausbildung geplant.

STANDARD: In Münster erwartet Sie ein, wie die "Welt" schrieb, "heißer Lehr-Stuhl" . Ihr Vorgänger zweifelte öffentlich die Existenz des Propheten Mohammed an, Muslim-Verbände riefen zum Boykott seines Unterrichts auf, er berichtete von Morddrohungen. Ihre Bestellung ist ja auch vom Votum der Islamverbände abhängig. Haben Sie sich mit den deutschen Muslimverbänden schon arrangiert?

Khorchide: Es laufen seit Wochen sehr intensive und positive Gespräche mit den muslimischen Verbänden in Deutschland. Es gibt konkrete Pläne für Kooperationen zwischen mir und den Verbänden, was die Inhalte betrifft.

STANDARD: Ist das kompatibel mit der Freiheit der Wissenschaft?

Khorchide: Wir müssen realistisch sein. Die von uns ausgebildeten Religionslehrer werden den Kindern der deutschen Muslime letztlich den Islam beibringen. Ich verstehe also das Anliegen der muslimischen Verbände, wenn sie sagen, wir wollen für unsere Kinder einen authentischen Religionsunterricht, der nicht den Grundsätzen des Islam widerspricht. Deshalb halte ich die Kooperation zwischen Wissenschaft und muslimischen Verbänden in dem Fall für richtig.

STANDARD: Wann ist ein Islamlehrer ein guter Islamlehrer?

Khorchide: Ein guter Muslim ist noch lange kein guter Islamlehrer. Ein guter Theologe ist noch lange kein guter Islamlehrer. Ein guter Islamlehrer muss viel Wissen haben über die verschiedenen Strömungen in der islamischen Lehre, Religionspädagogik und -didaktik, und er muss sehr reflektiert sein. Ein guter Islamlehrer muss aber auch in seiner Religiosität authentisch sein. Er ist ein Vorbild in seinem Handeln und muss ein guter - theologisch gesprochen - ein frommer Mensch und verantwortungsvoller Bürger sein.

STANDARD: Was würden Sie als Imam einem Mädchen sagen, das zu Ihnen kommt und Sie fragt: Soll ich das Kopftuch tragen? Bin ich dann eine gute Muslimin?

Khorchide: Ich finde es sehr wichtig, dass der Imam keine Autorität ist, die Menschen bevormundet. Wir haben das Problem teilweise im islamischen Kontext, dass der Imam ein Bevormunder ist. Ich lehne diese Rolle ab. Ich würde als Imam niemandem vorschreiben, was er tun oder lassen soll. Manche Frauen tragen es aus religiösen Gründen, andere aus Tradition. Empirische Studien zeigen, dass viele ein Kopftuch als Identitätsmerkmal tragen, um dazu zu gehören, vor allem, je stärker manche das Gefühl haben, sie werden von der Gesellschaft abgelehnt. Deshalb müssen wir überlegen, wie wir konstruktiv damit umgehen und den Frauen vermitteln, dass sie auch mit Kopftuch ein willkommener Teil der Gesellschaft sind. Imame sollten muslimische Frauen über ihre Rolle als aktive, verantwortungsvolle und gleichberechtigte Partnerinnen in der Gesellschaft aufklären. Ob mit oder ohne Kopftuch, das muss jede Frau für sich entscheiden.

STANDARD: Ein anderes Thema, das real zwar kaum präsent ist, weder in Österreich oder Frankreich noch in Dänemark, aber immer wieder diskutiert wird, ist die Burka. Befürworten Sie ein Burkaverbot?

Khorchide: Theologisch gesehen hat die Burka absolut nichts mit dem Islam zu tun. Das ist eine reine Tradition. Aber trotzdem halte ich von staatlichen Restriktionen nichts. Das könnte das Gegenteil bewirken, dass manche Menschen genau auf ihren Positionen beharren, weil sie sich in einem Wettkampf mit dem Staat wähnen. Wir schließen oft so Hardliner oder extreme Gruppierungen aus und lassen damit für sie noch mehr Raum, dass sie sich in ihrer Sturheit weiter entfalten. Durch einen Dialog mit ihnen wird man langfristig viel mehr erreichen als durch Restriktionen von oben. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 16.2.2010)