Wien - "Wenn die Jugend ziellos ist, wird sie zu einer Krankheit." So lautete eine der Weisheiten, die Irene aus Ferdinand Bruckners Krankheit der Jugend verkündet. In dieser Art präsentiert sich das Klischeebild der strebsamen Medizinstudentin. "Dein Ehrgeiz arbeitet wie eine Maschine", wirft ihr Freder vor.

Bereits vor der Globalisierung und dem einhergehenden Konkurrenzdruck beschäftigte der Selbstfindungsprozess Bruckner und seine Zeit. Krisenreich war diese, 1926 stand die Welt kurz vor der bis dato größten Wirtschaftskrise, dem schwarzen Freitag 1929. Ob das die Aktualität für das heutige Publikum erhöht? Die Meinungen der jungen Schauspieler gehen auseinander.

Ohne Job und Perspektive

"Überall hört man von der Arbeitslosigkeit, vor allem, was Jugendliche betrifft", meint Barbara Juch, die im Stück die Irene gibt. "Man ist fertig mit dem Studium oder der Lehre, aber ob man dann Arbeit findet, ist eine ganz andere Frage." "Obwohl es ja nicht so sehr um die Wirtschaftskrise geht, sondern vor allem auch um den Sinn dahinter", entgegnet Alice Peterhans alias Desiree.

Doch nicht nur die realen Personen Juch und Peterhans beziehen konträre Standpunkte. Auch die Charaktere, die sie verkörpern, könnten unterschiedlicher nicht sein: Im Gegensatz zu der unerschütterlichen Irene wirkt Desiree verloren in ihren eigenen Zielen, fast ungreifbar. In verworrenen Gefühlsakten geht sie unter, und der Sinn kommt ihr abhanden. Den einzigen Ausweg sieht sie darin, sich das Leben zu nehmen.

Alt, einer der sechs Bewohner der Wohngemeinschaft, in der insgesamt sechs Medizinstudenten gemeinsam leben, versucht Desiree bis zum Schluss vom Selbstmord abzubringen. "Man darf nicht desertieren", so die Devise des von Jakob Ehrlich dargestellten Akteurs. Die Rolle des Ruhepols nimmt er ein, es scheint beinahe so, als wäre es seine Aufgabe, die anderen auf den Boden der Realität zurückzuholen.

Auf diesem befindet Marie sich allerdings eher selten. Gespielt von Viola Novak, sind die Höhen und Tiefen des Charakters deutlich zu erkennen. Mit ihrer übertriebenen Liebe treibt Marie ihren Freund Petrell dazu, fremdzugehen - mit Irene - und sie zu verlassen. Zunächst glaubt sie bei Desiree den nötigen Halt gefunden zu haben und glücklich zu werden, was sich allerdings bald als Irrtum erweist. Dabei verliert sie ihre Beherrschung und verfällt dem Wahnsinn.

Zeuge davon wird vor allem Petrell (Marco Sykora). Der schwache Charakter lässt sich leicht aus der Fassung bringen, besonders wenn ihm die Brille in der Hitze des Gefechts von der Nase geschleudert wird. Beim Versuch, seine inneren Unruhen aufs Papier zu bringen, scheitert er, ähnlich wie in seinem Studium.

Der Schein trügt 

Eines haben alle Figuren gemein: die "Furcht vor Freder". Bösartig, arrogant und kaltherzig sind die ersten Eindrücke, die man von Freder (Simon Harlan) bekommt. Doch der Schein trügt: Er ist zerrissen im Konflikt mit sich selbst. Einerseits verkörpert er das Klischeebild eines typischen Jugendlichen, der im Überfluss des Alkohols versinkt. Auf der anderen Seite versucht er aus der Jugend zu entfliehen, indem er um Maries Hand anhält. Gekonnt setzt Freder dabei sprachliche Stilmittel ein, um sich selbst und seine Galanterie zu verkaufen. Er schafft es, die Menschen in seinem Umfeld zu Marionetten werden zu lassen. Lucy (Sarah Scharl), das naive Dienstmädchen des Haushalts, ist für den scheinbaren Intriganten leichte Beute. "Du tust mir weh", klagt sie mehr als einmal. Sie lässt sich von Freder manipulieren und bis in die Prostitution und zum Diebstahl zwingen.

Unter der Regie Peter Raffalts von der Jungen Burg inszeniert das TheaterJahr seine erste Produktion in dieser Saison. Premiere hatte Krankheit der Jugend am 13. Februar im Vestibül des Burgtheaters. Junge Schauspieler zwischen 18 und 26 Jahren können am TheaterJahr teilnehmen - damit wird ihnen die Möglichkeit geboten, intensive Praxiserfahrungen zu sammeln und Theater hautnah zu erleben.

Doch auch das Lernen steht im Vordergrund, dabei darf auch einmal etwas daneben gehen, besonders wenn die Darsteller sich auf einmal im Blitzlichtgewitter der Medienfotografen wiederfinden. Dies brachte so manch einen der angehenden Schauspieler aus dem Konzept. Viola Novak fiel es offenbar besonders schwer, ihren "sonstigen Leistungen gerecht zu werden".

In Krankheit der Jugend sehen sowohl Schauspieler als auch Regisseur einen großen Vorteil. So meint beispielsweise Raffalt: "Man kann sehr viel voneinander lernen." (Bath-Sahaw Baranow, Selina Thaler/DER STANDARD-Printausgabe, 17.2.2010)