Thomas Winkelbauer riskiert einen Blick in die Zukunft und empfiehlt, wichtige E-Mails auszudrucken und in Ordnern aufzuheben.

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Standard: Skizzieren Sie bitte, wie ein typisches Projekt an Ihrem Institut für Österreichische Geschichtsforschung zustande kommt.

Winkelbauer: Wir arbeiten relativ viel mit Drittmitteln, vom FWF zum Beispiel. Das größte derartige Projekt ist gegenwärtig ein formal am Institut für Geschichte der Universität Wien angesiedeltes, aber eng mit unserem Institut kooperierendes START-Projekt. Eine Gruppe unter der Leitung von Thomas Wallnig konzentriert sich auf die gelehrte Korrespondenz der zwei bekanntesten barocken geistlichen Gelehrten der Habsburgermonarchie, der Brüder Bernhard und Hieronymus Pez. Die haben über mehrere Jahrzehnte Briefverkehr mit Gelehrten aus ganz Europa geführt; sie gelten als wichtige Repräsentanten der katholischen Aufklärung.

Standard: Wo haben die Forscher diese Briefe gefunden?

Winkelbauer: Die an die Brüder Pez liegen im Stift Melk, die von ihnen muss man in den Empfängerarchiven suchen. Das ist relativ aufwendig. Der erste Band, mehr als 1000 Seiten, ist gerade erschienen, es sind sehr ausführliche deutsche Inhaltsangaben der lateinischen Texte dabei - Quellenerschließung at its best, würde ich sagen.

Standard: Wie kam die Forschungsgruppe gerade jetzt dazu, diese 300 Jahre alten Briefe genau zu dokumentieren?

Winkelbauer: Naja, die Gebrüder Pez sind allen Historikern ein Begriff...

Standard: Umso mehr die Frage: Wieso erst jetzt?

Winkelbauer: Bisher hat man, wenn man sich für ein bestimmtes Thema interessiert hat, gezielt nach Briefen gesucht. Aber dieses ganze Corpus von Briefen fachgerecht zu edieren, dazu muss jemand einen Beschluss fassen. Wallnig hat meiner Ansicht nach zu Recht gefunden, dass es diese Gesamtarbeit wert ist. Eine derartige Edition ist vor allem ein Service für die scientific community.

Standard: Welche Funktion hat das Institut für Österreichische Geschichtsforschung neben dem Institut für Geschichte?

Winkelbauer: Im Rahmen der Studienrichtung Geschichte gibt es bei uns eines von acht Master-Programmen, das heißt "Geschichtsforschung, Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft". Nach drei Semestern kann man sich entweder auf "Geschichtsforschung" oder auf "Archivwissenschaft und Medienarchive" spezialisieren. Gelehrt werden unter anderem die "klassischen" Historischen Hilfswissenschaften wie Paläografie, Urkundenlehre, Aktenkunde, Heraldik, Sphragistik (Siegelkunde), Chronologie, Numismatik, Quellenkunde, Editionstechnik usw., weiters Österreichische Verfassungs-, Verwaltungs- und Behördengeschichte sowie Archivwissenschaft und Archivmanagement, Informationsmanagement, Museumskunde usw. Es gibt aber auch Leute bei uns, die sich auf ein Thema wie Umwelt- und Landschaftsgeschichte konzentriert haben.

Standard: Das klingt überwiegend nach länger zurückliegender Historie.

Winkelbauer: Die neuere und die Zeitgeschichte werden sicherlich nicht ausgeschlossen. Die derzeitige Forschung und Lehre zur österreichischen Behörden- und Verwaltungsgeschichte zum Beispiel reicht vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Der frühen Neuzeit, vom Gründungsdatum der Habsburgermonarchie 1526 bis ca. 1800, wird ein großes Handbuch gewidmet, dessen erster Band 2011 erscheinen wird.

Standard: Warum nicht gleich bis 1918?

Winkelbauer: Erstens, weil uns das überfordern würde. Da besteht eine Lücke, die einmal zu füllen sein wird. Zweitens aber gibt es bereits einen Band zu Verwaltung und Rechtswesen der Habsburgermonarchie 1848 bis 1918. Ein weiteres Forschungsbeispiel wäre die Erarbeitung von Regesten (nach bestimmten Regeln erstellte Inhaltsangaben), konkret die "Regesta Habsburgica", an denen ein Kollege und eine Kollegin arbeiten. Dieses seit 1934 ruhende Projekt wurde vor einem knappen Jahrzehnt wieder aufgegriffen. Das ist allerdings wieder Mediävistik.

Standard: In Ihren Unterlagen wird ein weiteres großes, derzeit in Vorbereitung befindliches Projekt genannt, die "Wiener Fugger-Zeitungen", das scheint auch sehr aufwendig zu sein.

Winkelbauer: Ja, eine Kollegin wird es im Frühjahr beantragen. Es geht um die handschriftlichen Mitteilungen, die sich zwei Brüder Fugger in Augsburg - aus einer Nebenlinie der berühmten Kaufleute - im späteren 16. Jahrhundert mit der Post haben zusenden lassen. Sogenannte "Novellanten" haben damals für Abonnenten - das war relativ teuer - Nachrichten gesammelt und verfasst. Heute würde man von Agenturmeldungen reden, wie bei der APA. Die Fuggers haben diese Nachrichten binden lassen und jahrgangsweise gesammelt.

Standard: Das war eine Art privater Nachrichtendienst nur für die Brüder.

Winkelbauer: Die mehr als 16.000 handgeschriebenen "Zeitungen" stammen aus insgesamt 415 Orten, zum Großteil aus Europa, aber auch aus Übersee, aus Indien, Amerika. Die beiden Fuggers ließen sich wahrscheinlich weniger aus kaufmännischem Interesse, sondern eher aus Neugier informieren. Seit dem Verkauf an Kaiser Ferdinand III. im 17. Jahrhundert liegen sie in der Hof-, heute Nationalbibliothek. Diese Massenquelle kann nicht vollinhaltlich ediert werden, vielmehr wird die NB Digitalisate anfertigen und sie online stellen. Anfangen kann man mit ihnen aber nur etwas, wenn sie inhaltlich durch eine Beschlagwortung (Orts- und Personennamen sowie Sachbetreffe) erschlossen sind.

Standard: Ihr Institut ist auch eine nachgeordnete Dienststelle des Wissenschaftsministeriums. Gerät die Bestellung des Direktors nicht in den Sog der jeweiligen politischen Interessenslage, wie man das ja häufig bei den Geschichtsinstituten annimmt?

Winkelbauer: Das glaube ich nicht. Soweit ich weiß, hat das Ministerium nie versucht, auf die Arbeitsprojekte des Instituts Einfluss zu nehmen.

Standard: Aber es bestimmt den Leiter.

Winkelbauer: Das stimmt. Das gilt allerdings für andere Institute auch, etwa das Österreichische Archäologische Institut. Formal sind wir nach dem Forschungsorganisationsgesetz strukturiert. Das ist keine Ausgliederung, aber wir haben an der Uni eine Sonderstellung, besonders seitdem die Uni vollrechtsfähig ist.

Standard: Welche Rolle spielt das angesprochene Medienarchiv an Ihrem Institut?

Winkelbauer: Das betrifft nicht unsere Forschungstätigkeit, sondern es ist Teil des erwähnten Masterstudiums. Da bekommt man auch praktische und theoretische Kenntnisse vermittelt für die Archivierung von Fotos, Filmen, Videos. Absolventen arbeiten unter anderem im ORF-Archiv, obwohl wir keine Berufsausbildung betreiben, sondern wissenschaftliche Schulung und Berufsvorbildung.

Standard: Durch die Portisch-Serien ist solche Medienarchiv-Arbeit ja sehr präsent geworden.

Winkelbauer: Und stark angewachsen. Das ORF-Archiv soll mittlerweile mehr als 100 Mitarbeiter haben. Das hat dazu geführt, dass an unseren damaligen dreijährigen Ausbildungskursen Fotos und Filme als Archivgut anerkannt worden sind. Heute geht es noch viel mehr um die Frage, wie die jetzigen Quellen in 100 Jahren noch benützbar sein können.

Standard: Wie lagert man etwa digitale Information auf lange Sicht?

Winkelbauer: Ja, man kann die Speichermedien nicht einfach in eine Schachtel legen. In weniger als 50 Jahren ist das Restmüll. Es geht also darum, wie man das fachgerecht immer neu umkopieren soll und erhalten kann.

Standard: Sie haben ja die meiste Zeit mit Quellen zu tun, die 100, 200, 600 ...

Winkelbauer: ... 1000! ...

Standard: ... Jahre oder noch älter und immer noch benutzbar sind. Ein archivarisches Paradies. Die heutigen Daten hingegen? Was werden Ihre Kollegen in 100 Jahren machen?

Winkelbauer: Das ist zweifellos ein Problem. Nehmen wir Briefwechsel, wie jenen der Pez-Brüder. Unsere E-Mails sind, wenn man sie nicht ausdruckt, weg. Auch Gelehrten-Korrespondenz läuft heute hauptsächlich über E-Mails.

Standard: Da wird man vielleicht noch froh sein, dass bei den Providers soviel gespeichert sein wird?

Winkelbauer: Wahrscheinlich ja.

Standard: Aber wird man als österreichischer Geschichtsforscher an diese Informationen herankommen?

Winkelbauer: Keine Ahnung. Sicherlich ist es heute schon zu empfehlen, wichtige E-Mails auszudrucken und so aufzuheben. Denn die Papierform ist ein paar hundert Jahren auch noch lesbar. Die wichtige Korrespondenz mit unseren Autoren haben wir in Bene-Ordnern auf. (Michael Freund, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. Februar 2010)