Doppelter Moser in der Josefstadt. Erwin Steinhauer (links) und Florian Teichtmeister.

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Wien - Der Dichter Franzobel hat den berühmten Wiener Volksschauspieler Hans Moser in die Gefilde der Unseligen entführt. Im Wiener Josefstadt-Theater, wo man Moser oder Die Passion des Wochenend-Wohnzimmergottes soeben als daunenweiches Volksschauspiel uraufgeführt hat, gleicht der Himmel einer Versuchsanstalt: Die oberste Behörde sammelt dort droben die Präparate von Herzen und Nieren in Glaszylindern.

Auf Herz und Nieren sollte ja angeblich auch Hans Mosers Gesinnung geprüft werden: Hat sich der nuschelnde Raunzer tatsächlich mit den Nationalsozialisten gemein gemacht, als er sich ohne Widerstreben in die NS-Unterhaltungsindustrie eingliedern ließ? Franzobels fast bis an die Zähne mit Kalauern bewaffnete Untersuchung gibt sich als Scheinprozess zu erkennen:

Indem der Autor gleichzeitig einen "alten" (Erwin Steinhauer) und einen "jungen" Moser (Florian Teichtmeister) zum himmlischen Rapport einbestellt, zeigt er, dass ihm am Begriff der Ewigkeit, so wie ihn der schlampig praktizierte Wiener Katholizismus kennt, nichts liegt.

Rasch erledigt ist damit die Idee des "ewigen" Nachruhms im Falle Mosers. Besonders schwer wiegt auch, dass der ewige Himmelsvater ein befrackter Theaterdirektor mit Chapeau Claque ist (Hubert Kramar), der sich ohne Umschweife als Hitler zu erkennen gibt.

Der doppelte Moser muss sich vorsehen: Der gemütvoll beleibte Routinier (Steinhauer) im eng geschnittenen Dreiteiler wappnet sich mit nobler Zurückhaltung. Sein junges Double (Teichtmeister) verrät dagegen den nervösen Komiker: sichtlich geschult an den Erfordernissen des Stummfilms, gibt er den Charlie Chaplin aus der Wiener Bassena-Wohnung. Zwei Kunststücke, die im Verlauf eines kurzen Abends, der gefühlte dreieinhalb Stunden währt, erstaunlich rasch an Wirkung verlieren.

Aufgeräumter Himmel

Die Ewigkeit verdient sich nur, wer vor Hitler als oberster Behörde den Nachweis erbringt, dass er der Nazi-Ideologie wirksam gedient habe: Im Himmel droben kämpft man nämlich verbissen um das nächste Engagement. Wäre dieses dann, mit Blick auf die Seligkeit, das unwiderruflich letzte? Peter Wittenbergs Moser-Inszenierung hält sich mit Zweifeln an der Konstruktion dieser mit ein paar Zoten vollgestopften Blödelei nicht unnötig auf.

Der Franzobel-Himmel ist ein kommod aufgeräumter, butterweich mit Roland Neuwirths Schrammelmusik ausgekleideter Wohlfühl-Knast. Auf Florian Parbs' Bühne dient der Holzrahmen eines Radios als Bühnenportal, hinter dem von ein paar gut aufgelegten Josefstadt-Schauspielern - das Stück im Stück - mit angezogener Bremse gemosert wird. Der notorisch liebenswürdige Griesgram darf mit Paul Hörbigers (Martin Zauner) Aufruf zum Widerstand kokettieren. Mosers jüdische Frau Blanca (Sandra Cervik), deretwegen der Wien-Film-Star einst einen ebenso erschütternden wie misstönenden Flehbrief an Hitler schrieb, gibt eine resolute Mamsell ohne eigene Kontur. Jung-Moser muss sich als Jung-Siegfried verkleiden und einen Liliput-Drachen mit dem Gartenrechen erstechen.

Das Fazit dieser weiter nicht erheblichen Einlassung mit den Gespenstern der Vergangenheit: Hitler - so er tatsächlich im Himmel sitzt und weiter Rollen vergibt - erfährt durch Hubsi Kramars Darstellung eine kleine Rehabilitation: Ihm stehen tadellose Manieren und eine gewisse Schüchternheit (er habe von den KZs "ja nichts gewusst" ) zu Gebote. Der doppelte Moser fährt, zwiefach in Hermelin gewandet, in den Schnürboden auf.

Ob er von Franzobel entsühnt worden ist? Wir hätten den Moser, den wir "verdienen" , schließt das kleine Volksstück versöhnlich. Das Publikum reagierte überwiegend gefasst. Den Text gibt es übrigens im Passagen-Verlag zu kaufen. Man kann ihn sich also auch schenken. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.02.2010)