Hamburg - Im Skandal um das bayerische Kloster Ettal werden immer neue Vorwürfe und größere Opferzahlen bekannt. Dem externen Ermittler Thomas Pfister liegen inzwischen Hinweise auf rund 100 Betroffene vor. Zu den Vorwürfen zählen brutale Schläge, Missbrauch und Kinderpornos. Ein Klostermitglied gestand, Kinderpornos aus dem Internet heruntergeladen und früher Fotos halbnackter Schüler ins Internet gestellt zu haben. Am Donnerstag war bekanntgeworden, dass es auch bei den weltberühmten Regensburger Domspatzen in früheren Jahrzehnten Fälle von Missbrauch gegeben haben soll.

"Wir wollen das transparent untersuchen", sagte der Sprecher des Bistums Regensburg. Das Bistum werde eine Kommission einrichten, die alte Akten und Archive durchgehen soll. Dem Bistum lägen Hinweise auf Fälle zwischen den Jahren 1958 und 1973 vor. Die Regensburger Domspatzen, die weltweit auftreten, haben in Regensburg ein eigenes Musikgymnasium und Internat. Bis 1963 war Theobald Schrems Domkapellmeister, von 1964 bis 1994 leitete der Bruder von Papst Benedikt XVI., Georg Ratzinger, die Domspatzen. 

Erschütternde Berichte von Ettl-Absolventen

Der Großteil der Vorwürfe beziehe sich auf Schläge und andere Bestrafungen im Klosterinternat, sagte der Ermittler. Es habe früher deutlich mehr als zehn Patres gegeben, die systematisch geprügelt hätten. Die Mehrzahl habe zwar nicht selbst zugeschlagen, durch ihr systematisches Schweigen hätten sie den anderen aber einen rechtsfreien Raum für ihre Vergehen geschaffen, kritisierte Pfister.

"Es herrschte damals der absolute Terror", schreibt ein Schüler über seine Ettaler Jahre zwischen 1960 und 1969. "Pater G. suchte sich gezielt immer die Schwachen aus", schildert er die Vorliebe des Ordensgeistlichen für Schläge, die besonders kleine Kinder treffen sollten. Ein Schüler teilt mit, er sei von einem Pater so lange mit einem Bambusstock geschlagen worden, bis er auf die Krankenstation des Internats kam.

Ein weiterer Schüler beschreibt die besonders brutale Art des Haareziehens eines Paters in den 1980er Jahren. "Er nahm uns an den Koteletten, drehte sie und riss sie nach oben. Das verursachte extreme Schmerzen." Reihenbestrafungen waren an der Tagesordnung, wie der Sonderermittler berichtet. Ein anderer "Altettaler" erinnert sich an einen Pater aus den USA, der als Soldat vom Koreakrieg traumatisiert gewesen sein und als besonders brutaler Schläger bekanntgewesen sein soll.

"Brutal körperlich misshandelt"

Der Cellerar des Klosters - eine Art Verwaltungsleiter - Pater Johannes Bauer, räumte auf der Pressekonferenz ein, selbst in den 1980er Jahren Kinder "brutal körperlich misshandelt" zu haben. Er habe Kinder mit der Hand, aber auch mit einem Bügel verprügelt. Bauer bat um Vergebung, einen Rücktritt lehnte er aber ab. Seine Aufgaben hätten seit langem nichts mehr mit Kindern zu tun.

Neuer Vorwurf: Auch Mönche missbraucht

Möglicherweise wurden im Kloster Ettal nicht nur Schüler zu Opfern. Pfister sagte, er sei seit kurzem mit einem ehemaligen Klostermitglied in Verbindung, der den Vorwurf erhebe, als Mönch in Ettal von Mitbrüdern missbraucht worden zu sein.

Da die allermeisten Fälle lange zurückliegen - Pfister sprach von einer Zäsur im Jahr 1990 - ist vieles verjährt. Derzeit ermittle die Staatsanwaltschaft in drei Fällen, sagte er. Dabei gehe es um einen Fall aus dem Jahr 2005, bei dem aber noch unklar sei, ob sich der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs erhärte. Daneben nannte Pfister die Kinderpornografie, und einen Fall von Körperverletzung aus dem Jahr 2009. Dabei soll ein früher für Prügel bekannter Lehrer zwei jungen Schülern Kopfnüsse gegeben haben und einem von ihnen auf den Zeh getreten sein.

Im Zusammenhang mit diesem Fall kam es in der Pressekonferenz zum Eklat: Der kommissarische Schulleiter meldete sich zu Wort und sagte, die Kopfnüsse seien nur leicht und mehr zum Spaß gewesen. Pfister widersprach ihm entschieden und warf ihm Vertuschung vor. Der Sonderermittler betonte, er habe selbst mit den Kindern gesprochen, und diese hätten ihm gesagt, dass die Schläge sehr wehgetan hätten. (APA)