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Foto: Reuters/Pelissier

So viel Dialektik wird auch dem Chef der linksextremen französischen Partei NPA zu viel. Für den Feminismus und den internationalen Kampf der Arbeiterklasse streiten, aber Kopftuch tragen, leuchtet den Genossen der Neuen Antikapitalistischen Partei nicht ein und brachte bisher nur gehässig-schadenfrohe Kommentare von den politischen Mitbewerbern auf der Rechten wie der Linken.

Olivier Besançenot, der populäre NPA-Vorsitzende, verteidigt zwar nach außen seine jun-ge Parteifreundin Ilham Moussaid, die bei den Regionalwahlen am nächsten Wochenende im südfranzösischen Avignon antritt. Doch der Medienrummel um die 21-jährige Studentin hat den Wahlkampf der linken Partei praktisch versenkt. Die NPA, vor kurzem noch als französische Ausgabe der deutschen Linkspartei gefeiert, liegt laut Umfragen unter drei Prozent.

Und das alles wegen des "fichu foulard" , dieses "verdammten Kopftuchs" , klagen die Trotzkisten der NPA. Ilham Moussaid trägt es in der Regel in der Farbe Weiß, und um den Hals schlingt sie das Palästinensertuch als Zeichen ihres politischen Engagements: Während des Bombardements des Gazastreifens Anfang 2009 war sie bei allen Demonstrationen in Avignon und Marseille dabei. In ihrer Partei gebe es eine Mehrheit von Atheisten, aber auch einen Teil von Gläubigen, sagt die gebürtige Marokkanerin - "der einzige Unterschied ist: Bei mir sieht man es eben."

Moussaids Kopftuch stellt nicht nur die Identität der erst vor einem Jahr gegründeten Linkspartei infrage. Es zeigt auch wieder die Facetten der Schleier-Debatte: Instrument der Diskriminierung, reine Privatsache, probates Mittel gegen den gewalttätigen Sexismus der Vorstädte.

Die Reaktion der Feministen sei am schwersten für sie zu ertragen, gibt die Kandidatin zu. "Ich kann so oft sagen, wie ich will, dass ich keine Unterdrückte bin - und ich glaube, das sieht man -, aber es bleibt immer ein Unverständnis."

Moussaid, jüngstes von sieben Kindern einer Einwandererfamilie, kandidiert nur auf Platz vier der NPAin Avignon. Dort arbeitete sie in einem Jugendverein, der sich dem Kampf gegen die Straßengewalt und die soziale Ausgrenzung verschrieben hat. Avignon wie der Großteil der Städte im Süden ist verarmt und wählt rechtsextrem. Mit einem Teil der engagierten jungen Muslime ging Ilham Moussaid dann in die Politik und schloss sich der Linkspartei an - immer noch eine Seltenheit in Frankreich. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2010)