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In der betroffenen Region sind die meisten Gebäude aus Lehm oder Feldstein errichtet - Dem Beben konnten sie wenig entgegensetzen

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Am frühen Morgen sendete das türkische Fernsehen erste - wenige - Bilder von zerstörten Häusern: Das Epizentrum jenes Bebens, das Montagmorgen gegen 4.24 Uhr die Türkei erschütterte, liegt abseits- in der Provinz Elazig, mitten im überwiegend kurdisch besiedelten Ostanatolien.

Elazig ist eine der ärmsten Regionen der Türkei: Viele der oft noch aus Lehm oder Feldsteinen erbauten Häuser stehen an Hängen - und halten einem Beben kaum stand. Vier Dörfer wurden durch den Erdstoß, der die Stärke 6.0 nach Richter erreichte, deshalb nahezu vollständig zerstört. Am schlimmsten betroffen sind die Orte Okçular und Karakoçan.

Doch die Abgeschiedenheit ist noch das Glück im Unglück: Hier gibt es kaum größere Gebäude. Und auch eine größere Stadt war nicht betroffen. Dennoch reichte das Beben aus, auch mehrere Moscheen und ihre Minarette zu zerstören. Bis Montagnachmittag wurden fast 60 Tote geborgen.

Dem ersten Erdstoß folgten in kurzer Folge etliche weitere Nachbeben, die auch in den umliegenden Provinzen deutlich zu spüren waren. Viele Menschen verbrachten aus Angst vor weiteren Erdstößen die Nacht im Freien.

Erst gegen Mittag erreichten die ersten Helfer die Unglücksregion. Aus Ankara schickte man vier Hubschrauber, die für den Transport von Verletzten ausgerüstet sind. Aus den am nächsten gelegenen Städten Elazig, Tunceli und Bingöl schickte der Rote Halbmond Lkws mit Helfern und Zelten. Trotzdem sah man auf den Fernsehbildern, die ab Mittag vom Unglücksort kamen, hauptsächlich Dorfbewohner, die mit Schaufeln und Spitzhacken verzweifelt in den Trümmern ihrer Häuser nach Verschütteten suchten. Zu diesem Zeitpunkt zählte man 57 Tote.

Bruchlinie

Die Dörfer der Provinz Elazig liegen direkt auf einer Bruchlinie, die die Türkei von Osten nach Westen durchzieht. Die eurasische und afrikanische Erdplatte treffen hier aufeinander. Erst vor sieben Jahren hatte die Erde in der benachbarten Provinz Bingöl gebebt, eine Schule zerstört und dabei 80 Kinder getötet. Eine ähnliche Tragödie blieb dieses Mal schon aufgrund der Bebenzeit aus. Auch das Morgengebet in den Moscheen stand erst noch bevor.

Ministerpräsident Tayyip Erdogan sprach am Mittag den Familien der Betroffenen sein Beileid aus und versprach Hilfe. Der stellvertretende Ministerpräsident Cemil Çiçek war da noch auf dem Weg in die Unglücksregion.

Kaum liefen die ersten Bilder aus den Dörfern der Unglücksregion über die Bildschirme, als in den Studios die Experten bereits darüber diskutierten, ob der Erdstoß von Elazig womöglich nur ein Vorbote für weitere schlimmere Beben in der Türkei sein könnte. Seit 1999 ein schweres Beben von über 7 nach Richter auch die Peripherie von Istanbul getroffen hatte, wird spekuliert, wie gefährdet die Metropole am Bosporus ist.

Fast alle Experten gehen davon aus, dass Istanbul in den kommenden 30 Jahren von einem schweren Beben getroffen werden wird, was aufgrund der Bausubstanz zu einer verheerenden Katastrophe führen würde. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2010)