Zu den aktuellen Missbrauchsfällen hat Hans Rauscher mit zwei Vertretern der Kirche gesprochen. Einerseits mit Kardinal Christoph Schönborn und andererseits mit Hans Peter Hurka von der Plattform "Wir sind Kirche".

"Dass diese Fälle ans Tageslicht kommen ist gut und notwendig, denn was da geschehen ist, ist einfach zu schlimm, als dass es einfach zugedeckt wird", meint Kardinal Schönborn im Video-Interview zu den aktuellen Berichten über Missbrauchsfälle in der Kirche. Er dankt den Opfern, die den Mut aufbringen, sich zu melden und spricht sich für eine breite Diskussion der Verjährungsfrist unter Beteiligung von Psychologen, Experten und der Kirche aus. Auch bezüglich rechtlichen Änderungen in punkto Melde- bzw. Anzeigepflicht, "die vielleicht notwendig sind", zeigt sich Schönborn diskussionsbereit. Man müsse sich das jedoch erst genau mit Experten anschauen, bevor man zu "Schnellschüsse" mache. Der Kardinal hält im Gespräch auch fest, dass er sich nie für eine Abschaffung des Zölibats ausgesprochen habe: "Dass das möglich ist, zeigen viele gelungene Beispiele. Dass es schwierig ist, zeigen auch die nicht so gut gelungenen Beispiele."

"Nix!" ist die kurze Antwort von Hans Peter Hurka auf die Frage, was von den Forderungen der Plattform "Wir sind Kirche", die bereits vor 15 Jahren formuliert wurden, von der Kirchenleitung umgesetzt wurden. Dennoch könne man sehr froh sein, dass auch in der Kirche eine starke Bewusstseinsveränderung stattgefunden habe: "Wir rücken in die Mitte. Und die Zahl derer, die uns unterstützen, wird täglich größer." Viele Menschen würden erkennen, dass man Christentum im 3. Jahrtausend so nicht weiter leben könne. Aus Anlass der nun aufgetauchten Missbrauchsfälle "braucht es nicht nur Lazarettstationen wie Ombudsstellen, sondern man muss in die Zukunft blicken". Die Macht in der Kirche müsse selbst für den Papst eingeschränkt werden, man müsse mit den Tabuisierungen insbesondere zur Sexualität aufhören und den Pflichtzölibat endlich aufheben. Die entscheidende Frage sei aktuell, wie könne man offen und verantwortlich damit umgehen, wenn jemand pädophile Neigungen habe. "Wer heute diese Worte innerhalb der Kirche in den Mund nimmt, wird ausgegrenzt." Hurka fordert zudem mehr Mitsprache von Frauen in der Kirche, denn dann würde es diese Skandale überhaupt nicht geben, denn das sei "ein Phänomen von Männerclubs". (rasch, derStandard.at, 12.3.2010)