Die dümmste und verantwortungsloseste Meldung stammte klarerweise wieder von FPÖ-Chef Strache: chemische Kastration für rechtskräftig verurteilte Sexualstraftäter! Was ihm jeder forensische Mediziner sagen könnte: Die Kastration verringert, beseitigt aber nicht die Libido, führt meist zu schweren psychischen Störungen und erhöht unter Umständen die (ohnehin bei Sexualstraftätern oft vorhandene) Neigung, mit Gewaltausübung zu kompensieren.

Genug davon. Die Kirche hat im Moment ein Problem, wobei es genauer lauten müsste: Die Klöster haben ein Problem. Denn die Mehrzahl der nun aufgetauchten (Alt-)Fälle von Kindesmissbrauch hat sich an Klosterschulen abgespielt.

Damit sind wir beim eigentlichen Thema, nämlich den Strukturbedingungen für Kindesmissbrauch. Sie sind nicht nur in der Kirche allein gegeben, sondern in jedem geschlossenen Erziehungssystem, also auch in staatlichen Internaten, in Heimen, in Sportgruppen, beim Militär, und am größten Tatort überhaupt, der Familie.

Es müssen nur die "idealen" Bedingungen gegeben sein, also ständige, fast ununterbrochene physische Nähe, ein starkes Autoritätsverhältnis und das Abgeschottetsein der Erziehungsinstitution nach außen. Das macht Gelegenheit, erzeugt oft sogar bestimmte Wünsche oder lässt sie an die Oberfläche kommen - und es bietet hervorragende Möglichkeit, Kontrolle und Aufklärung von außen abzublocken.

Missbrauch hat es offenbar auch bei der säkularen Einrichtung der Wiener Sängerknaben gegeben. Ein Leser schreibt: "Ich war 'Zögling' der 'Bundeserziehungsanstalt für Knaben' (sog. BEA, dann HIB, Höhere Internatsschule des Bundes) in Saalfelden von 1965 bis 1972. Viele meiner Mitzöglinge haben sich umgebracht, viele sich selbst verletzt. So viel ich weiß, waren die BEAs ursprünglich die Kadettenanstalten, und dann in der Nazizeit die NAPOLAs. In der 2. Klasse haben wir ganz harmlose Sexspiele gemacht (anschauen, ein bissl hingreifen), was dann aufgeflogen ist, weil einer zu einem Erzieher gegangen ist ... Aber das Ganze war ein Terrorregime für alle, die sich nicht anpassten, keine guten Sportler waren usw." Die regelmäßig auffliegenden Rekrutenmisshandlungen beim Bundesheer mit allerlei "Spielen" haben ebenfalls sexuelle Untertöne.

Erziehung in einer engen, autoritären (Männer-)Institution ist per se skandalanfällig. Die berühmten "Erziehungsverhältnisse" der griechischen Antike zwischen Knaben und älteren Männern, von der Plato berichtet, waren bei genauer Betrachtung auch stark von Missbrauch geprägt. Das war übrigens in einer Kriegergesellschaft, in der die Frauen ins Haus verbannt waren.

Wer sein Kind einer solchen Institution überantwortet, kirchlich oder nicht, muss wissen, dass zum möglicherweise hohen Lehrstandard und zur "Erziehung zur Ordnung" ein gewisses Risiko dazukommt. Der Kirche und allen gleichartigen Erziehungsinstitutionen ist zu raten, sich massiv auf Prävention zu konzentrieren, wenn sie ihre Existenzgrundlage nicht verlieren wollen. (rau/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14. März 2010)