Wenn einer eine Reise tut, dann kann er Unterschiedlichstes erzählen. Darwin etwa nannte seine "Leidenschaft des Sammelns" von Organismen als Antrieb dafür, auf der Beagle um die halbe Welt mitzusegeln. Craig Venter wiederum, Weltmeister der Gensequenzierung, sprach von den "genzentrierten" Zielen seiner Fahrt an Bord der Sorcerer II quer durch die Ozeane, auf der er systematisch neue Proteinformen erforschte.

Bei beiden aber, führte Helga Nowotny am vergangenen Montag in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften aus, lassen sich auch die gesellschaftlichen Umfelder anführen, die die Reiseaktivitäten und -ziele bestimmten: Die Crew im 19. Jahrhundert sollte Unstimmigkeiten zwischen englischen und französischen Seekarten bereinigen. Venter andererseits trug mit seinem Projekt zu einer Wende bei, was die Biologie zum "Leben" in jeder Bedeutung des Wortes heute beitragen kann - nämlich, es umzugestalten.

Ko-Evolution, die wechselseitige Beeinflussung von Wissenschaft und Gesellschaft, war das Thema von Nowotnys Vortrag, dem zweiten in der Reihe der Hedy-Lamarr-Lectures an der ÖAW. Wissen, sagte die Soziologin und Wissenschaftsforscherin, werde immer in einem konkreten sozialen Umfeld produziert, und was wissenswert sei, wandle sich entsprechend.

Von dieser mittlerweile weithin unbestrittenen Feststellung ausgehend, führte Nowotny in ko-evolutionäre Verästelungen, die sich nicht durch Maximen, sondern nur durch den genauen Blick und Erfahrungswissen, also Empirie, beantworten lassen.

Am Anfang des Wissens steht die Neugier. "Wir sind alle Millionäre von kleinen wunderlichen Tatsachen", sagte Nowotny. Doch in jeder Gesellschaft wird diese Neugier gezähmt - allerdings nicht zu sehr, sonst "legt die Gans keine goldenen Eier mehr". Welche Forschung unter welchen Gesichtspunkten geplant und gefördert wird, sei das Ergebnis eines Wertediskurses; in einer freien Gesellschaft könne keine Gruppierung allen anderen ihre Werte aufzwingen.

Bioethik als Währung

Führten kommerzielle Interessen im 18. Jahrhundert zur Züchtung und Klassifizierung von Schafen je nach Wollqualität u. a. m., ist man heute bei transgenen Tieren angelangt - und unter anderem bei der schwierigen Rechtsfrage, ob deren Leben und Gengehalt patentierbar ist. (Vorläufige Antwort: in den USA ja, in Europa nein.) Recht und Regulierung sind Nowotny zufolge eine der Funktionen der Ko-Evolution. Weiters sei zu berücksichtigen, wer in die Entscheidungen betreffend Forschung einbezogen wird und welche moralischen Standards anzuwenden sind: Die Bio-ethik könnte sich als "Währung im globalen moralischen Diskurs" etablieren.

Damit schnitt Nowotny ein Thema an, dem sie sich seit einiger Zeit intensiv widmet (vgl. Die gläsernen Gene, mit Giuseppe Testa, 2009): dass sich die Molekularbiologie als neue Leitwissenschaft etabliert, mit entsprechenden Chancen und Problemen. Was dies für den Weg von einer Wissens- zu einer Innovationsgesellschaft bedeutet und welchen Platz das (forschende) Individuum dabei hat, konnte Nowotny nur kurz andeuten. Doch die Lamarr-Lectures wollen gesellschaftspolitische Themen bloß aufzeigen, nicht sie erschöpfend beantworten. (Michael Freund /DER STANDARD, Printausgabe, 17.03.2010)