Gleich vorneweg: Ich hatte Glück. Ich wurde nicht sexuell missbraucht. Ein paar Ohrfeigen, Kopfnüsse, das an Ohren oder Haar Bis-zu-den-Zehenspitzen-Hinaufgezogen werden, mehrere Male verbal coram publico der Lächerlichkeit preisgegeben und als "Höhepunkt", einmal von Pater A. - weil während des Mittagsstudiums beim Reden mit dem Nachbarn ertappt - an den Haaren durch den ganzen Studiersaal geschleift und den Rest der Stunde erniedrigendes Strafknien vor der gesamten Abteilung. Mit diesem „Record" kann ich keinen einzigen Altkremsmünsterer beeindrucken. Wie gesagt: Nie das rote Sofa, nie Opfer geradezu rituell-sadistischer Gewalt, wie sie für manch andere auf der Tagesordnung stand.

Trotzdem stehe ich nun, nachdem die „Sache" aufflog, vor dem Scherbenhaufen m/einer 31 Jahre alten Lebenslüge. Es ist unfassbar - am allermeisten für mich selbst: Aber erst durch die Aussagen meines ehemaligen S. in den OÖN Klassenkollegen wurde es mir möglich, „Kremsmünster" (Internat, aber auch Schule - die Präfekte waren ja auch Lehrer) so zu sehen, wie es (für mich) wirklich war: Ein System, das Kinder brach und zum Funktionieren brachte - und barmherzig zu Sadisten war. Ein System, aus dem es für zehn bis vierzehnjährige Kinder kaum ein Ausbrechen gab: Die Präfekten waren teilweise zugleich Lehrer, Chorleiter, Jungscharleiter und Beichtväter. Und die Eltern? Manche hatten Glück und konnten zu Hause etwas erzählen, ohne befürchten zu müssen, dies könnte als kindliche Phantasie oder Übertreibung abgetan werden. Und was hätten wir auch erzählen können? Es waren ja nur Andeutungen und das Alles überstieg zumindest meine kindliche Vorstellungskraft bei Weitem.

Ich lernte daher zu schweigen - so wie ja alle anderen rundherum schwiegen: eben die Eltern, die Klosterverantwortlichen, die weltlichen Lehrer (die über die Verhältnisse natürlich Bescheid wussten; die meisten von ihnen ware ja selbst Ex-Kremsmünsterer) und auch die zwei Präfekten (von damals acht) im Internat, die ich als integer erfuhr. Ich lernte so erfolgreich schweigen, dass es 31 Jahre anhielt.

Kremsmünster war ein nach allen Regeln der Kunst konstruiertes autoritäres Regime: totale Unterordnung, Schweigen und Angst waren das Ziel des Systems, das nebenbei einen hohen Spaßfaktor für mehrere offensichtlich sadistisch veranlagte Präfekten bot. Eherne Regeln, Willkür der Herrschenden und Gewalt in zahlreichen Erscheinungsformen. Und es war in seiner Geschlossenheit ein ebenso perfides wie perfekt funktionierendes System: An wen hätten wir uns sonst wenden sollen, als an die Präfekten und Lehrer, um zumind. jenes absolute Minimum an Anerkennung und Zuneigung zu bekommen, das man gerade in diesem Alter so dringend braucht? Zuneigung, die - wenn überhaupt, dann - meist so gnädig-herablassend oder mit eine so zombiehaften Lächeln gewährt wurde, dass ich selbst als 12-Jähriger am liebsten gleich wieder darauf verzichtet hätte, wenn ich sie nicht so dringend gebraucht hätte.

Und wie es in gut funktionierenden autoritären Systemen üblich ist, war es auch in Kremsmünster: die Schüler identifizierten sich großteils mit dem System und ihren Repräsentanten. Dies geschah dadurch, dass man die Ängste in halbgaren Scherzen einzufangen suchte und das Internat generell als anspruchsvolles Survival-Training verstand - so wie eben manche Eltern und vor allem die Präfekten auch. Wer acht Jahre Kremsmünster übersteht, der wird sich in der Welt draußen (die Welt war acht Jahre lang sehr weit draußen!) bewähren, lautete das allen gemeinsame Credo. Und das Verhalten wurde ebenfalls den „Vorbildern" angepasst: Schüler vs. Schüler, das war oft wahre Brutalität. Wie eine perfekte Kopie der Präfekten lebten manche Oberstufler ihre eigenen Erfahrungen an den Erst- und Zweitklasslern aus - und wenn es nur eine schnelle Watschen auf dem Weg in den Speisesaal war.

Wer das System nicht ertrug und Schwäche zeigte, war ein Verlierer. Wer durchhielt dagegen ein Held - und es sind diese Heldensagen, die sich Ex-Kremsmünsterer immer wieder gerne in Erinnerung rufen - und damit, so wie ich, auch danach noch in dem System gefangen bleiben. Sich - obwohl gebrochen und zutiefst verängstigt - als Held fühlen zu dürfen, ist eine Droge, die offensichtlich Jahrzehnte nachwirkt.

Ich hatte schon lange ein Unbehagen an diesen Heldenerzählungen, doch erst jetzt begreife ich, warum. In Wahrheit waren sie nur die ins Erträgliche verkehrte Scham darüber, so behandelt worden zu sein, sich so behandeln haben zu lassen und teils selbst (Mitschülern gegenüber) so gehandelt zu haben.

Mag sein, dass ich im Schock, den die Enthüllung nun in mir ausgelöst hat, überreagiere. Aber ich fühle, dass es für mich so ist - und mich zu spüren, wenn ich an diese Zeit denke, tut gut, auch wenn es mich sehr traurig macht. Denn Jahrzehnte hatte ich das schwer fassbare Grundgefühl, nicht bei mir zu sein. Ich bin nahezu perfekt darin, zu erahnen, was andere von mir möchten - noch bevor diese es selbst wissen. Aber ich weiß bis heute nicht, wer und was ich selbst sein will. Es fühlt sich eigenartig an, nur als Über-Ich in Körperhülle herumzulaufen.

Mein inneres Kind hat seit dem September 1979, als ich ins Internat kam, immer allen misstraut - auch mir selbst: zurecht. Zombies vertraut man nicht. Das ganze Internat war letztlich eine Zombie-Anstalt, voll femdgesteuerter, ihrer selbst entfremdeter, Untoter - vom Internatsleiter über das Gros der Präfekten bis hin zu den Zöglingen. Nicht zufällig wurde der - speziell aus mehreren regulären Internatsabteilungen "bestückte" Schlafsaal, der in einem abgelegenen Trakt neben dem Zimmer (mit Verbindungstür) von Pater A. lag, "Hades" genannt: Das griechische Pendant zum Reich der Zombies.

Ich bewundere und freue mich für alle, die - so wie Josef C. Aigner ("Standard"-Kommentar) - offenbar diese Zeit aufgearbeitet haben. Ich vermute aber, dass nicht nur ich, sondern hunderte andere Ex-Zöglinge jetzt (erstmals) vor der Entscheidung stehen, sich ihrer Internatsvergangenheit nicht nur rational, sondern mit ihrem Fühlen zu stellen. Ich jedenfalls fasse es noch immer nicht, wie ich all das und mich selbst so lange verdrängen konnte.

Wie gesagt: Mir wurde vergleichsweise wenig äußerliche Gewalt angetan. Man könnte sage, dass ich im Vergleich zu anderen überhaupt kein Opfer war. Bis vor wenigen Tagen habe ich mich selbst nicht als Opfer gesehen - und ich bin sicher, viele Ex-Kremsmünsterer sehen das auch jetzt noch so. Aber ich habe jetzt ein inneres Bild vor mir: Jenes zehnjährige Kind, das im Spetember vor 31 Jahren mit zwei Taschen und der Mutter mit einer Mischung aus Spannung, Vorfreude und Angst die Treppen zur 1. Abteilung hinaufging. Und wenn ich an dieses zehnjährige Kind in mir denke habe ich einen großen Wunsch: Es so voll Liebe, Freude und Stolz in den Arm nehmen zu können, wie ich das täglich mit meinen Söhnen mache.

PS: Es gab auch persönlich integre Menschen im cremifanensischen Umfeld, keine Frage. Und ich bin nun verleitet, hier den Stehsatz "Für sie persönlich tut es mir leid" folgen zu lassen. Aber mehr wünsche ich ihnen (so wie mir u. allen Ex-Kremsmünsterern), dass sie den peinlichen Skandal für sich als Chance nutzen können. Barmherzigkeit den Tätern gegenüber, auch wenn sie selbst als Kinder Opfer dieses Systems waren, halte ich nicht für angebracht. Denn barmherzig sein ist in diesem Kontext nur ein anderes Wort für zudecken und aufs Neue verdrängen.