Es ärgert den türkischen Premier sicherlich, wenn jemand in seine politische Regie hineinpfuscht. Vor allem wenn es sich um die armenische Diaspora handelt, die in jüngster Zeit erfolgreich in Europa und den USA dafür lobbyierte, die Massaker im Ersten Weltkrieg als Genozid zu verurteilen. Dass Recep Tayyip Erdogan aber in der Folge drohte, 100.000 armenische Gastarbeiter, die in der Türkei leben, auszuweisen, hat nicht nur einen rassistischen Unterton.

Das Erschreckende ist Erdogans fehlendes Geschichtsbewusstsein und die völlige Absenz politischer Sensibilität: Der türkische Premier erwog 95 Jahre, nachdem Hunderttausende vertrieben und getötet worden waren, Armenier, von denen viele nach dem Erdbeben 1988 in die Türkei gekommen waren, "zurückzuschicken" , und zwar geschlossen, als ethnische Gruppe, die "nicht meine Bürger" sind, wie er sagte. "Nicht meine Bürger" heißt nicht nur "keine türkischen Bürger" . Im Subtext des Satzes drohte er mit der Erinnerung an die Massaker im Ersten Weltkrieg: Die Armenier sind als Bürger in der Türkei nicht willkommen.

Unbewusst oder bewusst: Erdogan offenbarte die fehlende Scham über die Verbrechen im kollektiven Bewusstsein. "Mit solchen Erklärungen begannen jene Ereignisse, die zum Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915 führten" , sagte der armenische Außenminister Edward Nalbandjan gestern zu Recht. Sicherlich gefährdet Erdogan mit solchen Sätzen die Wiederannäherung der beiden Staaten. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 19.3.2010)