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Beim Führen gibt es wenige Naturtalente, für die meisten Führungskräfte heißt es: sich ausrüsten für eine verantwortungsvolle Aufgabe

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Odysseus: In Heldenreisen finden sich Analogien für den Weg erfolgreicher, wirksamer Führungskräfte

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Es ist eine herausfordernde Aufgabe, andere Menschen zu führen. "Es gilt, Begeisterung zu wecken, denn Begeisterung ist das, was wir am meisten nötig haben." Vermutlich trifft diese Bemerkung Picassos den Kern dieser Herausforderung am besten. Sicher, auch hier gibt es Naturtalente, die ein "Händchen" dafür haben, die mit Geschick und Einfühlungsvermögen hohe Leistung bei gleichzeitig hohem Wohlbefinden der Geführten erreichen, die begeistern und aus dieser Begeisterung heraus mitreißen. Zu immer wieder mitreißenden Erfolgen.

Doch wie das so ist mit den Naturtalenten, sie sind rar gesät. Gemeinhin will dieses Vermögen, im Einklang mit sich selber und seinen Leuten sachlich viel zu erreichen, ohne menschlich über Gebühr zu drangsalieren und zu strapazieren, hart erarbeitet werden. Gelingende Menschenführung ist ein immerwährender Prozess persönlichen Reifens und Häutens - aus dem alltäglichen Handlungsvollzug angestoßen und getragen von der Bereitschaft, sich selber, das eigene Denken, Tun und Lassen nicht, wie es an der Tagesordnung ist, absolut zu setzen, sondern zu hinterfragen.

Ohne diese Bereitschaft bleibt Menschenführung Stümperei. Und, wie die Praxis leider nur zu oft zeigt, Quälerei. Selbstgefälligkeit der Führenden verhindert hohe persönliche Leistungsbereitschaft. Und das, was sie absichert: das Aufgehobensein im menschlichen Miteinander.

Eine Erfahrung, die auch Susanna Wieseneder, sie ist im aufschlussreichen Geschäft des Personal Counseling in Wien tätig, immer wieder macht. Personal Counseling, das tiefe Einblicke in das Wollen, aber auch das Können und vor allem auch das Selbstverständnis von Menschen gibt, die eine Karriere für sich entwickeln, auch weiterentwickeln möchten, zeigt für sie eines immer wieder: Der Weg zur "reifen" Führungskraft führt wie bei den antiken Helden über mehrere Stufen.

Führungskräfteentwicklung, gesehen aus der ganz persönlichen Perspektive, nennt Wieseneder denn auch zutreffend "Die unvermeidliche Heldenreise" . Diesen letztendlich nie vollständig abgeschlossenen, vielmehr sich von Aufgabe zu neuer Aufgabe immer wiederholenden "Reiseweg" teilt sie in drei Abschnitte: Exposition, Komplikation und Integration. "In meiner jahrelangen Arbeit mit Führungskräften beobachte ich diese Zyklen mit einer immerwährenden Regelmäßigkeit" , berichtet sie. Und: "Die Stadien dieser sich wiederholenden Heldenreise folgen dem Prinzip des Aufbruchs aus der bekannten Welt in unbekanntes Terrain. Die neuen Erlebnisse und Erfahrungen führen bei entsprechender Selbstreflektion zu einem neuen, erweiterten Bewusstsein und so zu neuer Leadershipqualität."

Aus der Tiefe in die Höhe

Wieseneder ist überzeugt: "Nur wer aus dieser Tiefe eine Höhe entwickelt, schafft es." Nicht immer ohne fremde Hilfe, wie ihre Tätigkeit zeigt. Gut beraten, wer sich der Einsicht nicht verweigert, gelegentlich diesbezügliche Hilfe zu brauchen. Es macht einen Unterschied, ob man in den eigenen Spiegel schaut oder in den, den ein anderer einem vorhält. Selbstbild und Fremdbild sind nicht immer deckungsgleich. Nicht zuletzt aus diesem Spannungsverhältnis resultiert so manche vermeidbare Führungsproblematik. "Gnothi seauton" , "Erkenne dich selbst" lautete die Inschrift des Apollotempel in der alten griechischen Orakelstätte Delphi. Klug die Führungskraft, die sich diesen Rat zu eigen und sich Gedanken über ihre Wirkung auf ihre Mitmenschen macht.

Doch worum geht es im Detail? Welche Überlegungen verbindet Wieseneder mit dem Gedanken der unvermeidlichen Heldenreise auf dem Weg zur allmählich ausreifenden, wirkungssicheren Führungskraft? Die Stufen des Reisewegs lassen das deutlich werden:

Am Beginn der Heldenreise steht immer die Exposition, der Aufbruch. Die Exposition beschreibt den Startpunkt und die Initialzündung für eine sich aus der Sache und dem Gewollten beziehungsweise aus dem Notwendigen heraus angezeigte Veränderung. Das kann ein (neues) Arbeitsangebot sein, das können sehr wohl aber auch Gerüchte, gut gemeinte Warnungen, Drohungen oder sonstige Hinweise und Informationen sein.

Unterstützung auf der Reise

Hilfe(stellung) in dieser Situation geben Beschützerfiguren. In der Wirtschaft sind diese Mentoren nun nicht wie in der Antike die Götter, die ihre schützende Hand über den ins Neue stolpernden Sterblichen halten, sondern oft wohlmeinende Vorgesetzte, Kollegen, ein zu gegenseitiger "Promotion" gewobenes Netzwerk. Oder eben professionelle Helfer. So erfährt "der Reisende" Rat und Unterstützung.

Dergestalt begleitet setzt "der Reisende" den Fuß in das neue Territorium, beginnt, es zu sondieren. Und wird dabei meist nicht allein mit der neuen Herausforderung konfrontiert, sondern auch mit sich selber. Unvermeidlich, dass es auf diesem Weg zu Komplikation kommt, zu den aus der antiken Mythologie bekannten Prüfungen. So wie sich Odysseus von seinen Gefährten an den Mast ihres Schiffes binden ließ, um sich von den Gesängen der Sirenen am Ufer nicht vom Ziel der Heimreise nach Ithaka ablenken zu lassen, so muss sich auch die Führungskraft im Aufbruch zu neuen Ufern immer wieder beharrlich auf das Ziel hin orientieren.

So durchlebt sie erste Siege, aber auch Niederlagen, wird konfrontiert mit Fallen, Konflikten und Krisen, muss Intrigen bewältigen. Angst, Desorientierung, Desillusionierung und Einsamkeit werden durchlitten. Bei genügender Offenheit und Selbstreflexion kann so Veränderung und Wachstum beginnen, kann sich neue Erkenntnis einstellen. Die im Neuen gegebenen Hintergründe und Zusammenhänge werden transparent(er), allmählich immer klarer erkannt. All das ermöglicht für Wieseneder "die Erarbeitung der nun geforderten Konzepte zur neuen Situation, der dazu gehörenden veränderten Einstellungen."

So vollzieht sich ein Reifungsschritt, beginnt die allmähliche Integration der neuen Erkenntnisse in das (alte) Führungsrepertoire. Aus diesem psycho-mentalen Niveauwechsel heraus gestaltet die Führungskraft nun ihre neue Alltagswelt mit ihren neuen An- und Herausforderungen nach neuen Gesichtspunkten. Mit Glück und der Gunst der Umstände und der Situation nimmt so ein neuer Wachstumszyklus seinen Lauf.

Dieser Dreischritt sorgt, so Wieseneders Beobachtungen, im Laufe einer Karriere für immer wieder einsetzende Wachstumspassagen oder, wie sie es nennt, Karriere-Kreuzungspunkte, die je nach Persönlichkeit unterschiedlich bewältigt werden.

Dabei geht es nicht, oder, genauer, sollte es nicht nur um das Erlernen neuer Techniken und Methoden des Führens gehen. So hilfreich ein einschlägiges wohl ausgestattetes Instrumentarium auch sein kann, als vordringlicher, wichtiger sieht Wieseneder die persönliche Reifung und Entwicklung von der Person zur - in Freud und Leid erfahrenen und dadurch gereiften - Persönlichkeit an.

Nicht bloß "Tools"

Wesentlich für sie dabei sind die persönlichen Einstellungen und Werte, "das Erreichen einer neuen Sichtweise, einer erweiterten Perspektive." Ausschließlich angelerntes Führungswissen macht zum Führungsmechaniker. Die Praxis ist voll davon. Sie richten viel Schaden an. Mehr davon brauchen wir wirklich nicht.

Auf dieser Heldenreise verdichtet sich die Entwicklung im Laufe einer Karriere immer wieder zu markanten Situationen, die entsprechend mehrmals durchlaufen und bewältigt werden müssen, vergleichbar den Irrfahrten und der prüfungsreichen Heimfahrt des Odysseus in die schmerzlich vermisste Heimat Ithaka.

Beispiele im modernen Leben dafür sind der Start in einem neuen Unternehmen, ein komplexerer Aufgabenbereich, meist verbunden mit dem heiklen Wechsel vom Kollegen zum Vorgesetzten, der ein anderes Verhalten, nicht aber eine andere Umgangsqualität verlangt.

Aber auch der Verlust einer Position oder gar der Anstellung, ein unangenehmer Vorgesetzter, ein ausschließlich auf die eigenen Vorteile bedachter Kunde.

All das Ereignisse und Erfahrungsräume, deren bewusstes, reflektierendes Durchmessen und gelingende Bewältigung nicht allein über Wohl und Wehe einer Karriere entscheiden.

Es geht um die Freude

Nicht minder entscheiden sie auch über das Wohlfühlen in sich selbst. Ein Empfinden, das auf dem Karriereweg nur allzu oft leichtfertig auf dem Altar unbedingten Vorankommens geopfert wird. Und dessen Fehlen im Laufe eines Berufslebens nur allzu oft teuer bezahlt werden muss.

Nirgendwo mehr als auf dem Karriereweg begegnen dem aufmerksamen, feinfühligen Beobachter so viele sich selbst entfremdete Menschen, die das Leid, das sie sich selber antun, auch anderen antun.

Das böse Wort von den Karrierezombies, von den Verlockungen des Aufstiegs "Verhexten" in den Führungspositionen entbehrt nicht einer gewissen Berechtigung, Karriere um den Preis der Selbstverleugnung und Selbstaufgabe ist an der Tagesordnung. Aber ist das ein erstrebenswertes Ziel?

Dass Karriere auch anders angelegt, gestaltet werden kann, darauf macht Wieseneder mit ihrer Metapher von der unvermeidlichen Heldenreise aufmerksam. Dass sie dabei mit gutem Grund auf die Hilfestellung beratender Kräfte verweist, liegt in der Natur ihrer Sache. (Hartmut Volk, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.3.2010)

Prüfungsreiche Heimfahrt des Odysseus nach Ithaka - hier bei den Sirenen: In Heldenreisen finden sich Analogien für den Weg erfolgreicher, wirksamer Führungskräfte.Foto: picturedesk.com