Wien - Wer Oscar Wildes 120 Jahre altes, vor Dekadenz förmlich überfließendes Romangleichnis Das Bildnis des Dorian Gray heute auf die Bühne bringen will, der muss andere Gründe geltend machen als den Kultus einer schon in ihrer Entstehungszeit fragwürdigen Schönheitsreligion. Jugend, sagt Wilde, ist das höchste Verdienst, dessen sich ein gebildeter Mensch rühmen darf. Also erfindet er einen umschwärmten Dandy, der in den Besitz seines Ölporträts gelangt: eines Ebenbildes, das an seiner statt zu altern und zu verfallen beginnt.

Doch wie viele Ebenbilder besitzt der Mensch - in Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit? Im Vestibül des Wiener Burgtheaters findet die "décadence" ihre kongeniale, computergenerierte Nachbearbeitung. Dorian Gray könnte man eine "Ikone" nennen - wäre der heilige Begriff nicht längst in die Regionen des Schmuddeljournalismus und der Bildagenturen abgewandert.

Er nimmt das Kreuz der ewigen Jugend auf sich: stellvertretend für alle Kunstschwärmer, deren narkotisierendes Geschwätz sein moralisches Empfinden schwächt und seinen Schönheitskult fragwürdig macht. Die Versuchsanordnung von Jung-Regisseur Bastian Kraft ist freilich noch rigider: Er hat eine Kletterlandschaft mit 15 Schirmflächen bauen lassen, auf deren Splitscreens Dorian, aber auch dessen Freunde und Bediente, darunter Lord Henry (der Einflüsterer) und Porträtmaler Basil (der in ihn Verliebte), zu sehen sind.

Dorian Gray ist das Virtuosenstück einer szenischen Kernspaltung. In Peter Baurs Landschaft gibt der grandiose Schauspieler Markus Meyer die vielen Doubles seiner selbst. Denn zur nämlichen Zeit, wenn die Verführer noch schwatzen, rauchen oder erlesene Rotweine schlürfen, tritt der "echte" Dorian (Meyer) an die Reckstangen des Affengehäuses - den Kopf bis zum Hals mit Goldlack überzogen. Er turnt und windet sich - und tritt in einen besorgten Dialog mit der Live-Kamera, die seine in Gold getränkte Larve in Echtzeit, aber eben auf viele Facetten verteilt, auf die Ebene der Wand überträgt.

Das Reflexionsniveau dieser Versuchsanordnung ist beachtlich: Oscar Wildes ruchloser Apostel des Schönen, der die Verwechslung seiner Person mit deren Image folgerichtig mit dem Leben bezahlt, ist der "real Anwesende" . Bei allen Kontrahenten handelt es sich bloß um manipulierte Ausgaben seiner selbst - die obendrein "zeitversetzt" , auf verschiedenen Locations in der Burg gefilmt, als imaginäre Dialogpartner mit in den Blick geraten. Verspätung ist das ewige Schicksal des Menschen. Schönheit ist der Gewinn dieser tollen Produktion. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 23.3.2010)