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Sind Tabu und öffentliche Erregung gewissermaßen Geschwister? - Cherubim auf einem Souvenirladen vor einem der jüngsten klösterlichen Tatorte im schweizerischen Einsiedeln

Foto: Reuters/CHRISTIAN HARTMANN

Im Standard berichteten in den letzten Tagen ehemalige Zöglinge eindringlich von der subtilen Gewalt, die sie als Jugendliche in Internaten ertragen mussten. Wir möchten in diesem Kontext den Blick auf ein Thema lenken, das bisher vielleicht noch mehr und anhaltend von der Öffentlichkeit verdrängt wird:

Es geht um das Problem des Missbrauchs von Frauen und Männern, die in Einrichtungen der österreichischen Behindertenhilfe leben. Ihr Aufenthalt dort ist im Allgemeinen zeitlich nicht begrenzt, viele verbringen ihr gesamtes Erwachsenenalter in kleinen Einrichtungen mit ca. zehn, oder in Wohnhäusern und Heimen mit bis zu 500 Bewohnern, wobei die Großeinrichtungen überwiegend von kirchlichen Trägern geführt werden.

Aus Untersuchungen in Österreich ist seit Mitte der 1990er Jahre bekannt, dass das Ausmaß von sexualisierter Gewalt in solchen Einrichtungen enorm hoch ist. Zwei 1996 erstellte Studien gehen zum Beispiel davon aus, dass jede zweite Frau mit Behinderung in ihrem Leben mindestens einmal von Missbrauch betroffen ist. Die Täter/innen stammen nicht nur aus dem Umfeld, auf dessen Unterstützung die behinderten Frauen nicht zuletzt bei der Körperpflege oft angewiesen sind, viele Übergriffe erfolgen auch von Mitbewohnern. Doch auch Männer mit Behinderung sind in hohem Ausmaß von Gewalt und Missbrauch betroffen. Die Wahrscheinlichkeit des Bekanntwerdens oder Aufgedecktwerdens von Übergriffen ist gering: Dass die Opfer Schwierigkeiten im sprachlichen Ausdruck haben oder dafür möglicherweise Unterstützung benötigen, ist die eine Seite, die andere ist, dass sie nicht ernst genommen werden. Soziale Isolation, eine wegschauende Öffentlichkeit und die Abgeschlossenheit der Einrichtungen verstärken diesen Effekt. Durch den lebenslangen Verbleib haben diese Menschen nie die Chance, mit der nötigen Distanz über Geschehenes nachzudenken.

Reagieren behinderte Frauen und Männern in diesem Teufelskreis mit herausforderndem Verhalten, wird dieses als Symptom ihrer Behinderung zugeschrieben und der Teufelskreis fortgesetzt. Schließlich hüllt ein Deckmantel der Aufopferung (seitens des Personals) und der Vorstellung (seitens der Öffentlichkeit), dass der Umgang mit behinderten Menschen in diesen Heimen einzig von Nächstenliebe getragen sei, die lebenslangen Zöglinge ein. Dies kann bis zur totalen physischen und psychischen Entfremdung führen.

Dies ist kein spezifisch österreichisches Problem, nur ist es höchst an der Zeit, dass sich Österreich diesem Thema stellt. Nicht umsonst hat die aktuelle UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Artikel 16 das Menschenrecht auf "Freiheit von Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch" nochmals ausdrücklich betont. In der Konvention verpflichten sich alle Vertragsstaaten - also auch Österreich -, "alle geeigneten Maßnahmen (zu treffen), um jede Form von Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch zu verhindern" und in diesem Zusammenhang sicherzustellen, dass alle Einrichtungen und Programme, die für Menschen mit Behinderungen bestimmt sind, wirksam von unabhängigen Behörden überwacht werden".(Volker Schönwiese/Petra Fliege, DER STANDARD Printausgabe 25.3.2010)