New York/Rom/Wien - Die Debatte um das Verhalten des Papstes im Skandal um Kindesmissbrauch durch Geistliche geht weiter: Bei der Palmsonntagmesse in Rom sagte Benedikt XVI., sein Glaube gebe ihm die Kraft, sich "nicht vom belanglosen Geschwätz der vorherrschenden Meinung einschüchtern" zu lassen. Der Pontifex kam aber nicht direkt auf den Skandal zu sprechen. Die Zeitung The Times kommentierte Benedikts Aussagen von Sonntag mit den Worten: "Man hat den Eindruck, dass im Vatikan die schwerwiegende Dimension des Themas nicht voll begriffen worden ist."

Der New Yorker Erzbischof Timothy Dolan verteidigte das Kirchenoberhaupt. Es ermutige "vollständige Ehrlichkeit" , sagte Dolan. Benedikt leitete früher die Glaubenskongregation der katholischen Kirche. Dieser wird - wie berichtet - vorgeworfen, auf Sanktionen gegen einen Priester in Milwaukee verzichtet zu haben, der bis 1975 rund 200 gehörlose Buben missbraucht haben soll. Die Glaubenskongregation erfuhr nach eigenen Angaben erst 1996 von dem Fall, als die Verbrechen bereits verjährt gewesen seien.

Der deutsche Kurienkardinal und Präsident des päpstlichen Ökumenerates, Kardinal Walter Kasper, nannte die Zölibatsdebatte anlässlich des Missbrauchskandals in einem Interview der italienischen Tageszeitung La Stampa einen "Missbrauch der Missbrauchsfälle" . Der Eheverzicht sei zwar "kein Dogma" , es gebe aber "keinen Grund, die Gesetzgebung zu revidieren und den Stand der Dinge zu ändern" . Es sei erwiesen, dass Pädophilie nicht im Zusammenhang mit dem Zölibat stehe, sagte Kasper.

Strafbar bis Lebensende

In der Niederlande soll angesichts der Missbrauchsfälle die Verjährungsfrist, die in dem Land bisher 20 Jahre nach Volljährigkeit des Opfers beträgt, aufgehoben werden. Laut Justizminister Ernst Hirsch Ballin soll Kindesmissbrauch künftig bis zum Lebensende strafrechtlich verfolgt werden können. Dafür gebe es eine klare Mehrheit im Parlament.

Neben Vorwürfen gegen Geistliche in den USA, Irland, Deutschland, Österreich und der Niederlande sind auch mindestens 90 Fälle in der Schweiz bekannt geworden. Am Montag gab zudem die Staatsanwaltschaft in Bozen bekannt, dass der Leiter der Ministrantenausbildung im Südtiroler Vahrn bei Brixen wegen des Verdachts der sexuellen Gewalt an Minderjährigen festgenommen wurde. Gegen den 28-Jährigen, der kein Geistlicher ist, werde auch wegen Herstellung und Besitz pornografischer Fotos ermittelt.

Messe für Johannes Paul II.

Montagabend stand für Papst Benedikt XVI. eine Gedenkmesse zum fünften Todestag seines Vorgängers Johannes Paul II. auf dem Programm. Papst Wojtyla war am 2. April 2005 nach fast 27-jährigem Pontifikat verstorben. Da der eigentliche Todestag heuer auf den Karfreitag fällt, wurde die Messe vorverlegt. Mit Spannung wurde erwartet, ob sich Benedikt zum laufenden Seligsprechungsprozess für Karol Wojtyla äußert. (apn, dpa, spri/DER STANDARD-Printausgabe, 30.3.2010)