Attac-Mitbegründer Christian Felber, dessen prägnanten Meinungen ich selten teile, aber immer sehr schätze, hat vor wenigen Tagen im Standard auf meinen Kommentar „Die Mitschuld der Tugendhaften“, in dem ich auch auf die Verantwortung der Exportweltmeister Deutschland und China bei der Korrektur internationaler Handelsungleichgewichte verwiesen habe, geantwortet.

Ich hatte gewagt darauf hinzuweisen, dass das von John Maynard Keynes mit konzipierte Bretton-Woods-System keine Lösung für das Dilemma hatte, dass Überschussstaaten zwar genauso wie die Defizitstaaten zum Ungleichgewicht beitragen, aber nicht dazu gezwungen werden können, ihre Wirtschaftspolitik zu ändern.

Ob diese leise Kritik an den von den Linken zur Ikone hochstilisierten Keynes wirklich „haarsträubend falsch“ ist, wie Felber behauptet, sollen  Wirtschaftshistoriker beurteilen.

Felber hat jedenfalls mit seinem Einwand Recht, dass das Weltwährungssystem, das in Bretton Woods beschlossen wurde, viel mehr den Vorschlägen des U  S-Chefverhandlers Harry Dexter White entsprochen hat als denen von Keynes, der die britische Seite vertrat.

Das lag vor allem an den damaligen Machtverhältnissen. Statt der Weltwährung Bancor wurde der Dollar zur globalen Leitwährung, und der IWF, der Defizitstaaten wie Großbritannien mit Krediten unterstützen sollte, erhielt weniger Mittel als von Keynes gewünscht. Kein Wunder, schließlich wäre das zusätzliche Geld ausschließlich von den USA gekommen.

Aber diese Elemente betrafen nicht die Kernfrage der Disziplinierung der Überschussländer, und für die hatte, wie ich geschrieben habe, der große Ökonom Keynes tatsächlich keine „gute Antwort“.

Er schlug ein System vor, in dem die Überschussstaaten verpflichtet würden, mehr zu importieren und damit den Defizitländern zu helfen. Genau das würden ich und viele andere nun auch von Deutschland wünschen. Aber auch Keynes wusste nicht, wie man sie dazu zwingen kann. Er schlug Strafen vor. Aber glaubte er wirklich daran, dass diese durchsetzbar wären?

Dieses Problem berührt den Kern der internationalen Politik. Einem Land zu sagen, „du musst“, ist sinnlos, wenn es keine Mittel zur Durchsetzung gibt. Defizitstaaten haben keine Wahl, als den Gürtel enger zu schnallen, wenn ihnen die Märkte den Kredit verweigern – siehe Griechenland. Das Überschussland verspürt diesen Druck vom Markt hingegen nicht.

Keynes‘ Modell hätte eine Art Weltregierung mit einer Weltpolizei vorausgesetzt. Doch die war weder 1945 möglich, obwohl die Vormachtstellung der USA zumindest im Westen dieser Idee schon recht nahe kam, und ist heute noch weniger vorstellbar.

In der EU gibt es zwar dank des Gemeinschaftsrechts auch wirtschaftliche Verpflichtungen, die rechtlich durchsetzbar sind. Aber selbst hier wurde noch nie richtig getestet, ob ein großer Staat eine Politik, die seine Regierung für unbedingt richtig hält, ändert, bloß weil es EU-Institutionen fordern. Da werden meist lieber die Regeln geändert – siehe die Aufweichung des Stabilitätpaktes, als Deutschland und Frankreich ihn nicht erfüllten.

Das Problem mit Christian Felbers Argumenten ist oft, dass er zwischen Utopien und Realität nicht unterscheiden kann. Keynes‘ Ideen für ein stabiles Weltwährungssystem war eine Utopie. Berühmt und einflussreich wurde er hingegen dort, wo seine Theorien der Politik des Machbaren entsprachen.