Rollengerechtes Leiden: Piotr Beczala (als Rodolfo) und Anna Netrebko (als Mimi).

Foto: Zeininger

Wien - Nach wie vor kein Anzeichen dafür, dass Anna Netrebkos Kommerzcharme nicht mehr über die Grenzen der Opernbühne hinausreicht: Kaum verkündet sie, weder iPod noch Computer zu besitzen (unlängst in der Welt am Sonntag), ist die Petitesse dem Boulevard Meldungen wert. Das Schöne aber: Nach wie vor gibt es auch kein Anzeichen dafür, dass die Russin die Pflege ihrer für Klassikverhältnisse exorbitanten Reichweite als Aufgabe betrachtet, die es auch auf der Bühne mit Starritualen auszuführen gilt.

Sie nimmt den Bühnenraum nach wie vor als jenen vokalen Wahrheitsraum, in dem man sich der zu erzählenden Geschichte unterzuordnen hat. Wenngleich ihr die Bohème-Uraltinszenierung (von Franko Zeffirelli) keinesfalls jene "Opfer" abnötigt wie einst etwa die Traviata in Salzburg (auf einem von Herren rasant über die Bühne hin und her getragenen Sofa balancierend singen), ist der Verzicht auf Allüren jederzeit sichtbar. Netrebko hebt stimmlich rollengerecht ab: Nach wie vor ist es frappant, mit welcher Leichtigkeit sie einen Ton samtig strömen lässt oder wie Töne in der Höhe bei zunehmender Lautstärke nicht an Fülle verlieren, vielmehr zulegen. Andererseits wird der Klang auch mit jener Farbe der Schüchternheit versehen, die phasenweise zu Mimi passt. Mag sein, dass Natrebko, an sich selbst gemessen, eine Nuance Leichtigkeit eingebüßt hat. Was sie zu bieten hat, reicht allerdings noch immer für drei Karrieren.

Ein kleines Zusatzwunder, dass man die Netrebko auch wirklich immer hörte: Dirigent Constantinos Carydis ließ mitunter gar zu fetzig aufspielen, wodurch auch Piotr Beczala (als Rodolfo) noch deutlicher zeigen musste, über welch strahlende Höhen er verfügt, wenngleich er für diese Rolle insgesamt zu wenig Zwischentöne im Angebot hat. Tadellos Boaz Daniel (als Marcello) und Anita Hartig (als Musette) wie auch der Rest des Ensembles. An der Staatsoper hat Netrebko neben einer weiteren Bohème-Vorstellung (8. 4.) noch Bellinis I puritani (ab 19. 4.) und Bizets Carmen (ab 3. 5. als Micaela) zu absolvieren. (Ljubiša Tošić/DER STANDARD, Printausgabe, 7. 4. 2010)