"Das ist es wohl, was Spione machen - high-tech-investigativer Journalismus"

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Vor drei Monaten verkündeten die Betreiber von WikiLeaks über Twitter, man habe ein verschlüsseltes Video von einem Angriff des US-Militärs auf Zivilisten in Bagdad und benötige Super-Computer-Zeit, um den Inhalt zu dechiffrieren. Vergangenen Montag wurde das 39-minütige Video und eine 17-minütige Kurzfassung davon schließlich im Internet auf der eigenen Webseite und auf Videoportalen wie Youtube unter dem Titel "Collateral Murder" veröffentlicht. Es zeigt einen Hubschrauberangriff der US Army in Bagdad im Jahr 2007, bei dem 12 Personen zu Tode kamen - darunter auch zwei Reporter der Nachrichtenagentur Reuters.

Schlagzeilenmacher

Woher WikiLeaks die Informationen erhalten hatte und wer schließlich bei der Entschlüsselung half, wurde nicht verraten. Es war aber nicht das erste Mal, dass die Internetplattform für Schlagzeilen sorgte und die Grenzen zwischen Journalismus und Anwaltschaft verschmolzen. "Das ist es wohl, was Spione machen - high-tech-investigativer Journalismus", erklärt WikiLeaks-Gründer Julian Assange gegenüber der New York Times.

Der australische Journalist und Aktivist gründete die Seite vor drei Jahren zusammen mit einer Hand voll freiwilliger Gleichgesinnter und Computerspezialisten. Ziel war es von Anfang an, verdeckt gehaltene Informationen über Staaten oder international agierende Unternehmen ans Tageslicht zu fördern. Von der illegalen Giftmüllentsorgung in Afrika, über geheime Protokolle aus dem Gefangenenlager in Guantanamo Bay, bis hin zu Nachrichten von Sarah Palins persönlichem Email-Account - mit seinen Berichten hat WikiLeaks schon mehrmals die Schlagzeilen der Nachrichtenwelt geprägt.

Breites Netzwerk

Assange und dessen Kollegen sind diversen staatlichen Einrichtungen, wie auch Konzernen ein Dorn im Auge. Doch trotz diverser Klagen zur Einstellung der Webseite (etwa in Großbritannien und den USA), haben sich die Mittel ihrer Gegner bislang als wirkungslos erwiesen. Das liegt insbesondere an der Struktur der Nachrichtenseite. Die Kernmitarbeiter finanzieren ihre Recherchen über Spenden und haben eigenen Angaben nach Zugang zu 800 bis 1.000 Spezialisten, die sie zur Hilfe rufen können. Die Server stehen rund um den Globus verteilt in Ländern, die den Aktivitäten positiv gesinnt sind.  

Durch ihren Einfluss und ihre guten Kontakte gelang es Assange und Co. so auch das besagte Video des US-Militärs zu erlangen. Zweieinhalb Jahre lang versuchte Reuters die Herausgabe über das "Gesetz über die Auskunftspflicht öffentlicher Einrichtungen" zu erzwingen, blieb allerdings erfolglos. 

Auf Unterstützung angewiesen

Die Arbeit der WikiLeaks-Aktivisten wird deshalb auch von Nachrichtenagenturen und Zeitungen geschätzt. Die britische Zeitung The Guardian meinte etwa vergangenen Jänner, "wenn sie die Aufdeckergeschichten der Zukunft lesen möchten, wird es Zeit, etwas beizusteuern". Und verwies damit auf den Umstand, dass Assanges Arbeit einzig und allein durch Spenden finanziert wird. Die Recherchen in Bagdad in Zusammenarbeit mit einem isländischen TV-Sender verschlangen allein rund 50.000 US-Dollar.

Der Spendenaufruf für den nächsten Clou wurde deshalb bereits gestartet. Am Dienstag behauptete WikiLeaks ein weiteres verschlüsseltes Video eines US-amerikanischen Luftangriffs zu haben, der in Afghanistan vergangenes Jahr 97 angeblich Zivilisten tötete.

(zw)