Es war Brauch in der Knabenhauptschule Braunau am Inn, 1973, dass die Schüler in den Pausen in Zweierreihen schweigend im Kreis marschierten. Auch, dass die beaufsichtigenden Lehrer bei Disziplinverstößen mit dem Bestrafungsdreischritt "Niederbrüllen, Ohrfeigen, Nachsitzen" vorgingen. Auch, dass in manchen Klassen mit einem Stock geprügelt wurde, der am Beginn des Schuljahres getauft wurde. In den Klassen bildeten sich als Schutz gegen die Gewalt der Lehrer Hierarchien der Gewalt, und als von Lehrergewalt Betroffener war man an ihrem unteren Ende. Die Gewalt wurde so weitergegeben, und aus Angst vor erneuter Gewalt hielt man den Mund, Lehrern, Eltern, Mitschülern gegenüber.

Das Schweigen der Zweierreihen war daher immer da, auch wenn geredet oder gebrüllt wurde, da gab es kein Wort, das man ergreifen hätte können. Zu Wort zu kommen, Gehör zu finden, die Gewalt beim Namen zu nennen, das gehörte nicht zum Brauch.

Die Rede von "sexuellem Missbrauch" schafft genau diese Lage: Sie sorgt einerseits für Schweigen dort, wo am meisten gesprochen werden müsste, und andererseits für Geplapper dort, wo Reden nichts verändert. Denn im Inneren des Wortes "sexueller Missbrauch" verbirgt sich die schweigende Annahme einer Abweichung vom richtigen sexuellen Gebrauch; die unausgesprochene Vorstellung, etwas sei aus dem Ruder gelaufen, was sonst aber schon in Ordnung ist, und worüber daher auch kein Wort verloren werden muss. Jene, die jetzt das Wort ergreifen möchten, die sich Gehör verschaffen wollen, jetzt endlich, sehen sich in jene Wortlosigkeit zurückgeworfen, die sie oft schon seit vielen Jahren kennen. Nur dass das eigene, lautlose innere Brüllen angesichts des Getöses um die "Missbräuche" nur noch sinnloser, noch hoffnungsloser erscheint, noch weniger Aussicht auf Gehör hat.

Als Wort, das eine Abweichung von einer wortlos angenommenen Norm beschreibt, macht der "Missbrauch" jene, denen Gewalt angetan wurde, aber auch zu Ausnahmen, zu Sonderfällen, die in die Zuständigkeit von Sonderbeauftragten und Kommissionen fallen und die nichts mit den etablierten Bräuchen, mit richtigem Gebrauch zu tun haben. Die Rede von den "Einzelfällen" ist daher kein Zufall, sondern nur die logische Konsequenz der Rede vom "Missbrauch", ebenso wie die ständig erhobene Forderung, man möge die Kirche im Dorf lassen und nicht wegen ein paar "Ausnahmefällen" gleich das ganze Brauchtum infrage stellen. Auch so wird die Gewalt mit sprachlichen Mitteln fortgesetzt.

Wo Sprache Gewalt vor ihrem Benanntwerden schützt, gedeihen Schweige-Institutionen und Verschwiegenheitsnetzwerke, die sich dieser Schweigesprache bedienen, sie pflegen und durch Wiederholung und bloße Präsenz normalisieren, damit die Wortlosigkeit der Menschen, die Gewalt erfahren haben, als persönliche Pathologie erscheint. Die Rede vom "Missbrauch" wird so zur Sprache der Verantwortungslosigkeit, die den "Opfer"-Status der Betroffenen zementiert.

Vom wortlosen "Opfer" zum sprechenden, das eigene Leben einfordernden "Survivor" können Menschen nur dann werden, wenn sie die Gewalt beim Namen nennen können. Sie riskieren dabei, sich erneut der Gewalt auszusetzen, indem sie von jenen "Sonder-Beauftragten" als eben solche Fälle behandelt werden, abgesondert vom Normalen, wobei die Bandbreite von der wohlmeinenden Ignoranz bis zur zynischen Rede von "Angriffen auf die Kirche" reicht. Verharren sie indessen im Schweigen, können sie sich selbst nicht heilen, während die Gewalt ungehindert weitere Kreise zieht.

Wenn dieser Zyklus durchbrochen werden soll, dann ist die Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt eine Auseinandersetzung mit der Sprache, in der über sie geschwiegen wird. (Wolfgang Sützl/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11. April 2010)