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Russlands Premier Putin verabschiedet Kaczynskis Sarg.

Foto: EPA/Sergei Chirikov

Ganz Polen scheint Trauer zu tragen. Kaum ein Passant auf den Straßen, der sich drei Tage nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine in Russland, ein lustiges T-Shirt oder einen bunten Pulli übergezogen hätte. Die Straße rund um den Präsidentenpalast in Warschau musste gesperrt werden. Sie ist schwarz vor Menschen. Tag und Nacht stehen sie dort, legen Blumen nieder, weinen, beten und sprechen sich gegenseitig Trost zu. Nach der Flugzeugkatastrophe am Sonnabend wird der verunglückte Präsident Lech Kaczynski ab Dienstag öffentlich aufgebahrt, sodass die Polen von ihm Abschied nehmen können. So ist Warschaus Präsidentenpalast zu einer Pilgerstätte Polens geworden.

Die Bilder und Berichte aus Moskau und Smolensk, die seit dem Unglückstag täglich über die polnischen Fernsehschirme flimmern, rühren viele Polen zutiefst. Denn die Russen trauern mit. Fast ungläubig sehen nun viele Polen nach Moskau. Dort wandte sich Präsident Dmitri Medwedew noch am Unglückstag an das polnische Volk: "Mit tiefem und aufrichtigem Mitgefühl habe ich, wie alle Bürger Russlands, die Nachricht von dieser schrecklichen Tragödie aufgenommen." Medwedew sicherte den Polen zu, dass die russische Seite alles tun werde, um gemeinsam mit den polnischen Experten und Staatsanwälten die Unglücksursache vor Ort aufzuklären. Er ordnete für Montag einen Staatstrauertag in Russland an. "Hätten wir das auch gemacht, wenn in Polen ein Flugzeug mit Russen an Bord abgestürzt wäre?", fragt ein älterer Mann, der mit anderen Trauernden am Präsidentenpalast in Warschau ins Gespräch gekommen ist. "Ich bin mir nicht so sicher", antwortet ihm eine ältere Dame. "Nach dem, was passiert ist über all die Jahre, sind unsere Herzen verhärtet."

Putins große Geste

In Russland übernahm Premier Wladimir Putin persönlich die Leitung der Untersuchungskommission und flog sofort nach Smolensk. Noch am Mittwoch hatte er gemeinsam mit Polens Premier Donald Tusk an einer Gedenkfeier für die Opfer von Katyn teilgenommen. Es war das erste Mal überhaupt seit dem Massaker vor 70 Jahren, dass eine solche Feier auf Einladung Moskaus stattfand. Auf der polnisch-russischen Gedenkfeier hatte Putin ganz klar "die Verbrechen des Totalitarismus" und Stalins verdammt. Allerdings fiel das Wort "Entschuldigung" , auf das viele Polen gewartet hatten, in seiner Ansprache nicht. Dennoch bewerten die meisten Polen die erste gemeinsame Gedenkfeier und den versöhnenden Händedruck zwischen Putin und Tusk als eine Wende in den polnisch-russischen Beziehungen. "Wir sind bereit zur Versöhnung", titelte die polnische Kulturzeitschrift ZNAK.

Als Premier Donald Tusk zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage nach Smolensk flog und am Unglücksort zur stillen Trauer niederkniete, half ihm Putin auf und umarmte ihn freundschaftlich. Als am nächsten Tag der Sarg mit dem polnischen Präsidenten auf dem Rollfeld des Smolensker Militärflughafen stand, trat Putin näher, verneigte sich und legte als einen letzten Gruß Blumen neben dem Sarg ab. Das polnische Fernsehen übertrug die Gesten für Millionen Zuseher. "Ich rechne ihm das hoch an", sagt der ältere Mann vor dem Präsidentenpalast.

Indes wurde weiter nach den Ursachen des Absturzes gesucht. Zu den Spekulationen, Kaczynski selbst könnte auf die Piloten Druck ausgeübt haben, trotz der schlechten Bedingungen zu landen, sagte Polens Generalstaatsanwalt Andrzej Seremet am Montag, darauf gebe es bisher keinerlei Hinweise. Die Flugschreiber würden weiter untersucht. (DER STANDARD, Printausgabe 13.4.2010)