Das Internet, "die Welt hinter dem Bildschirm", könnte dabei helfen, die reale Welt zum Positiven zu verändern, hofft der Internetpublizist Tim Cole.

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Die Digitalisierung der Welt hat erst begonnen und wird uns alle verändern, sagt der Internetpublizist Tim Cole. Wie Menschen und Firmen darauf reagieren können, erzählte er Karin Tzschentke.

Standard: Wir verändern uns von digitalen Nomaden zu digitalen Beduinen, heißt es in Ihrem neuen Buch "Unternehmen 2020, das Internet war erst der Anfang". Was meinen Sie damit?

Cole: Der Nomade ist einer, der seinen Hausstand mit sich herumschleppt, den er braucht, um zu überleben. Der Beduine hat in der Regel nichts dabei, weil er ja weiß, wo die nächste Oase ist. Und so sehe ich auch die Entwicklung in der Informations- und Telekommunikation. Mit handlichen smarten Geräten habe ich mein ganzes Büro bei mir, überall kann ich online arbeiten, mich vernetzen. Dieses digitale Beduinentum wird zu umwälzenden Veränderungen führen.

Standard: Was bedeutet die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung für Unternehmen?

Cole: Wir stehen erst am Anfang. In den Unternehmen haben wir erst digitale Inseln geschaffen. Die große Herausforderung an die Unternehmen für die nächsten zehn Jahre wird wirklich sein, diese Vernetzung intern weiterzuführen, und zwar über die Unternehmensgrenze hinaus, also auch an die Partner, Lieferanten, Verbraucher. Alle werden dadurch gewinnen.

Standard: Viele Menschen haben Angst vor diesen Entwicklungen, fürchten um ihren Arbeitsplatz.

Cole: Das ist ein immer wiederkehrendes Phänomen in der Geschichte, dass Menschen nicht bereit oder nicht in der Lage sind, sich an die Lage anzupassen und zu verändern, dass sie zurückbleiben. Das ist ein evolutorischer Imperativ. Wir stehen alle unter dem Zwang, uns dieser Veränderung anzupassen. Und da führt auch kein Weg vorbei. Deshalb ist es für mich besonders verwerflich, wenn so Typen wie Frank Schirrmacher von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von digitaler Überforderung reden und scheinbar glauben, man könnte das Rad in der Geschichte zurückdrehen.

Standard: Schirrmacher spricht ja auch von einer Überreizung des Hirns durch digitale Überflutung.

Cole: Ja, unser Hirn wird sich auch ändern. Wir werden als Spezies uns da anpassen müssen. Wer Jugendliche beobachtet, kann aber sehr wohl wahrnehmen, dass Multitasking möglich ist. Die Fähigkeit, unsere Aufmerksamkeit aufteilen zu können, wird ein evolutionärer Erfolgsfaktor werden.

Standard: Eine Veränderung der Vernetzung ist, dass Konsumenten mehr Macht erhalten. Wie müssen Unternehmen darauf reagieren?

Cole: Ja, für viele Unternehmen ist es schmerzhaft, jetzt unmittelbar mit Kunden konfrontiert zu sein. Bei Ärger oder fehlerhaften Produkten baut sich auf den diversen Plattformen schnell eine massive Front gegen ein Unternehmen auf. Gefordert ist da schnelles Reagieren, immer wissen, was man über einen redet. Manager müssen daher selbst auf Facebook, Youtube, Xing etc. präsent sein, in dieser Welt mitleben und vor allem: zuhören, was da über sie gesagt wird.

Standard: Die Kehrseite ist, dass Unternehmen die Vernetzung ihrerseits zum Datensammeln über den Kunden nutzen.

Cole: Unternehmen sind schlecht beraten, wenn sie mit diesen Daten Schindluder treiben. Werden Missbrauchsfälle publik, sind die Kunden schnell weg. Viel mehr Angst macht mir die Datensammelwut des Staates. Ich fordere daher schon länger ein Mitbestimmungsrecht des Bürgers und Konsumenten, was die Speicherung seiner persönlichen Daten angeht.

Standard: Sie sprechen sich auch fürs Recht auf Anonymität im Internet aus.

Cole: Wenn man seine Meinung etwa auf einem Blog kundtut, sollte man das nicht anonym tun dürfen, ansonsten finde ich, dass wir ein Menschenrecht auf Anonymität haben. Es sollte jeder selbst bestimmen können, wie viel er von sich preisgibt. Ein Unternehmen bekommt zum Beispiel gerade soviel Informationen, die es braucht, um das Geschäft mit dem Kunden auszuführen. Will es mehr wissen, soll es dafür bezahlen. Persönliche Informationen können so zur Handelsware werden.

Standard: Sie beschreiben vornehmlich die positiven Seiten der Digitalisierung und Vernetzung. Was ist mit den negativen Seiten?

Cole: Das Internet ist für mich wie eine Welt hinter dem Bildschirm und der realen sehr ähnlich. Es gibt da genauso fiese Menschen und Probleme. Aber vielleicht hilft uns das Internet, die Welt diesseits des Bildschirms zum Positiven zu verändern. (DER STANDARD Printausgabe, 16. April 2010)