Cathie Martin: Liberalisierung aus schnöden wirtschaftlichen Motiven wäre "eine Schande".

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Die britische Genetikerin Cathie Martin hat eine besonders gesunde Tomate entwickelt, die wohl nie zu kaufen sein wird. Schuld daran seien auch die allzu strikten Regulierungsvorschriften.

Nein, wie ihre violetten Tomaten schmecken, wisse sie nicht, sagt Cathie Martin. Die Forscher durften sie wegen der strengen Sicherheitsvorschriften nicht probieren, weil es hätte ja zu einer unkontrollierten Freisetzung der Samen kommen können. "Ich nehme aber an, sie schmecken so wie alle anderen Tomaten auch" , so die Forscherin vom John Innes Centre in Norwich, einem der weltweit führenden Forschungsinstitute für Pflanzengenetik. "Unsere Mäuse haben sie jedenfalls genauso gern gefressen wie die gewöhnlichen roten Früchte."

Die Verfütterung an die Mäuse war Teil eines spektakulären Forschungsprojekts, über das Cathie Martin mit Kollegen Ende 2008 in der Fachzeitschrift Nature Biotechnology berichtete. Die Pflanzengenetiker hatten in das Erbgut von gewöhnlichen roten Tomaten zwei Gene eingebaut. Dadurch wurde bei den Früchten eine violette Färbung erzeugt, die bei den Blättern einfach durch wenig Gießen zustande kommt.

Wozu das Ganze? Ganz einfach: Die Färbung kommt durch sogenannte Anthocyane zustande. Das sind natürliche Farbstoffe, die auch in dunklen Früchten und Beeren wie Brombeeren oder Heidelbeeren vorhanden sind. Anthocyane sind Antioxidantien, die als besonders gesund gelten, und in Martins violetten Tomaten gibt es fast dreimal so viel davon wie in den roten.

Mäuse lebten länger

Um auch noch zu testen, ob die Anthocyane tatsächlich helfen, verfütterte man Tomaten an Mäuse, die besonders anfällig für bestimmte Krebsarten sind. Die Mäuse, die das Futter mit dem violetten Tomatenextrakt fraßen, lebten im Schnitt 40 Tage länger als die Tiere mit dem Standardfutter und dem mit den roten Tomaten. "Es muss zwar erst noch getestet werden, wie die lebensverlängernde Wirkung der violetten Tomaten genau zustande kommt, sagt Cathie Martin. Der Beweis ist aber erbracht, dass es funktioniert.

Und wann wird es die violetten Tomaten zu kaufen geben? So bald sicher nicht. Die Regulierungen für genetisch veränderte Pflanzen sind so streng, dass es laut Martin selbst in den USA rund 30 Millionen Dollar kostet, sie zur Zulassung zu bringen. "Der kommerzielle Nutzen der gentechnisch erzeugten Eigenschaft muss also höher sein als diese Summe" , sagt die Forscherin ganz nüchtern, und das werde man damit sicher nicht hereinbringen.

Was die strengen Vorschriften bei der Zulassung betrifft, kann Martin einen gewissen Sarkasmus nicht verhehlen: "Ich denke, dass man darüber bei Monsanto sehr zufrieden ist mit den aktuellen Vorschriften, weil die ihnen ihre Monopolstellung sichern.

Welche andere Firma könne sich solche Summen leisten?" Nur ein Multi, dessen Produkte Vorteile für die Produzenten bringen (Monsantos Saatgut) und nicht für die Konsumenten (wie Martins Früchte).

An Ideen für solche Produkte mangelt es der Genetikerin nicht. Schließlich will sie nicht nur Grundlagenforschung betreiben, sondern ihre Erkenntnisse auch "für meine Mitmenschen nutzbar machen" . Blutorangen zum Beispiel seien wegen ihrem Mehr an Anthocyanen gesünder als normale Orangen, bräuchten aber ein sehr spezielles Klima, das es nur in Spanien und auf Sizilien gibt. Auch da könnte die Gentechnik helfen.

Glaube an den Wandel

Und im Prinzip könnte man in den Tomaten noch ganz andere Stoffe zum Wachsen bringen. Resveratrol würde sich anbieten, das unter anderem im Rotwein vorkommt und ebenfalls stark antioxidative Eigenschaften hat. Das könnte sogar lukrativ werden: "Kürzlich wurde in den USA eine Firma, die Resveratrol-Pillen herstellt, für 750 Millionen verkauft. Es ist doch besser, das in Rotwein zu trinken oder in frischen Früchten zu essen, oder?"

Glaubt Martin daran, dass sich die Zulassungsregelungen in Europa in absehbarer Zeit verändern? Ja, sagt die Genetikerin, es werde wohl zu einem Wandel kommen, wenn auch aus "falschen" Gründen – nämlich durch den finanziellen Druck auf die Bauern. In Irland etwa sei man stark für eine Liberalisierung. Da zahlen Bauern, die Soja an Nutztiere verfüttern, jährlich zehn Millionen Euro zusätzlich dafür, dass es gentechnikfrei ist. Und die irischen Bauern scheinen nicht länger bereit, diesen Aufschlag zu zahlen.

Für Martin ist es "eine Schande" , dass eine Liberalisierung womöglich aus schnöden wirtschaftlichen Motiven geschehen wird. "Viel besser wäre es, die Bürger Europas davon überzeugen, wie groß die Potenziale der grünen Gentechnik sind." (Klaus Taschwer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.4.2010)