Ihre Website verzeichnet 800 Prozent mehr Hits, die Parteikasse füllt sich mit Spenden wie nie zuvor, manche Umfragen sehen sie vor der Regierungspartei Labour: Die Tage seit der ersten TV-Debatte am vergangenen Donnerstag müssen den britischen Liberaldemokraten wie ein Traum erscheinen. Ihr Vorsitzender Nick Clegg, dem die Zuschauer einen haushohen Sieg über Premier Gordon Brown und dessen konservativen Herausforderer David Cameron bescheinigten, warnt vor Euphorie und hofft auf den Trend: "Eine wachsende Zahl von Menschen glaubt, dass sich diesmal wirklich etwas ändert."

Die Umfragen geben Clegg (43) Recht. In einer ICM-Umfrage, die weitgehend vor der Debatte abgeschlossen war, lagen die Liberaldemokraten mit 27 Prozent noch knapp hinter Labour (29). Das ComRes-Institut befragte die Briten am Freitag und Samstag, Resultat: Die bisher drittgrößte Partei (29) zog erstmals an Labour (27) vorbei. Einen verheerenden Einbruch erleben offenbar die Konservativen. Ihr Stimmanteil ist von zuletzt rund 38 Prozent in den jüngsten Umfragen auf 34 beziehungsweise 31 Prozent gesunken.

John Curtice, Politik-Professor an der Glasgower Strathclyde-Universität, glaubt, dass viele der Wähler, die 2005 vor allem aus Protest gegen den Irakkrieg für die Liberalen stimmten, auch diesmal Cleggs Partei unterstützen. Zudem hat die Darbietung des Parteichefs viele Nichtwähler aus ihrer Teilnahmslosigkeit gerissen. Ausdrücklich drängte Clegg am Wochenende die Erst- und Jungwähler zur Registrierung bei ihrer örtlichen Wahlbehörde bis morgen, Dienstag, der letztmöglichen Gelegenheit.

Clegg-Boom in Medien

Die Medien freuen sich über die unklare Lage und schüren den Clegg-Boom. Der Liberaldemokrat sei "fast so populär" wie Kriegs-Premier Winston Churchill, staunt die konservative Sunday Times. "Clegg an der Spitze", behauptet The Mail on Sunday, gestützt auf eine unseriöse Umfrage. Nicht alle seine Äußerungen in der TV-Debatte ("Ich will ehrlich zu Ihnen sein") stimmten mit der Realität überein, schrieb der konservative Sunday Telegraph.

Und die Konkurrenz? Premier Gordon Brown will offenbar an seiner Anbiederungspolitik festhalten: "Ich stimme mit Nick überein", war sein wichtigster Satz in der TV-Debatte. Hingegen schießen sich die Konservativen auf den neuen Konkurrenten ein. Die Liberaldemokraten wollten "immer neue Kompetenzen nach Brüssel abgeben", warnt der stellvertretende Chef der Tories, William Hague. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 19.4.2010)