Das Treffen der Enkel 127 Jahre danach: George Galitzine bei Ahmed Abdulrahman al-Mahdi. Der Großvater des Ersteren wurde 1883 vom Großvater des Letzteren gefangen genommen.

Foto: Fischer Film

Rudolf Slatin in der Kleidung der Mahdisten.

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Für einen Film begab sich sein Enkelsohn, der Maler George Galitzine, auf Spurensuche in Khartum

"26 Schachteln und 14 Alben" listet die "Special Collections"-Abteilung der Universität Durham auf, und über den früheren Besitzer Rudolf Slatin heißt es: Finanzinspektor unter General Gordon 1878-1879; Gouverneur von Dara 1879-1881; Gouverneur von Darfur 1881-1884; Gefangener des Mahdi 1884-1895; Generalinspektor des Sudan 1900-1914.

Was für ein Lebensweg für den Sohn eines später zum Katholizismus konvertierten jüdischen Seidenhändlers aus Böhmen, der sich in Wien-St. Veit niederließ, wo Rudolf 1857 zur Welt kam. Nach dem Tod des Vaters verschlug es den Schulabbrecher als Buchhändlergehilfe nach Kairo und von dort in den Sudan, wo er als einer von etlichen nichtbritischen Legionären von General Charles Gordon angeheuert wurde – als ägyptischer Offizier, noch genauer als Offizier des osmanischen Khedifen von Ägypten.

Seine eingangs skizzierte Karriere – die von einer zwölfjährigen Gefangenschaft plus spektakulärer Flucht aus Khartum beziehungsweise Omdurman auf der anderen Nilseite (festgehalten in seinem Buch Feuer und Schwert im Sudan) unterbrochen wurde – endete für den inzwischen in den Adelsstand erhobenen britischen Colonel mit dem Ersten Weltkrieg.

Erst 1914 hatte er auch seine Frau Alice von Ramberg geheiratet, die ihm 1916 eine Tochter gebar. Anne Marie wurde von einer britischen Nanny betreut und war als Kind oft mit ihrem verwitweten Vater in Großbritannien, wo er seine Freunde – viele davon mit klingenden Namen – aus der Sudan-Zeit besuchte. Sie heiratete 1943 in London den russischen Großadelsspross Prinz Galitzine. Als ihr drittes Kind wurde 1946 George Galitzine (Foto oben) geboren. Da war Rudolf von Slatin bereits 14 Jahre lang tot.

Der Großvater war jedoch stark präsent in der Kindheit Georges, seines Bruders Alexander und der ältesten Schwester, Catherine. "Wir lebten mit den vielen Fotos, den Ketten, die er als Gefangener trug, der Kriegstrommel des Mahdi, den Orden", sagt George Galitzine am Telefon im Gespräch mit dem Standard. Anne Marie starb erst 2007. Das Slatin-Archiv wurde, wie erwähnt, der Universität Durham übergeben – und in Wien will George Galitzine demnächst eine Uniform Slatins besichtigen, die er dem Bezirksmuseum Hietzing gestiftet hat. Und zum Dreh in die Spitzvilla nach Traunkirchen, die Slatin 1897 erwarb, soll es auch gehen. Denn das Leben Slatins ist nun Filmstoff:

Was der Großvater erlebte, wird vom Enkel im Film auf einer Reise in den Sudan nachvollzogen, deren Nachspiel die Spitzvilla-Szene sein soll. Die aktuellen Anknüpfungspunkte sind klar: Der Sudan, dessen Weg zum Staat Slatin mitgestaltet hat, droht heute zu zerbrechen. Im Jänner 2011 findet das Referendum statt, das dem Südsudan die Unabhängigkeit ermöglicht. Da soll auch Filmstart sein, sagt Produzent Markus Fischer. Buch und Regie stammen von Thomas Macho.

Die Einladung des "Khalifa"

George Galitzine nimmt dabei quasi die Sudan-Einladung wahr, die der Nachfolger des Mahdi, der "Khalifa" Abdullahi ibn Muhammad, den Gefangenen Slatin 1888 an seine Brüder nach Wien schreiben ließ. Dieser Brief befand sich in Besitz der Wiener Familie: Großneffe Paul Slatin ist Präsident der Österreichisch-Sudanesischen Gesellschaft.

Muhammad Ahmad, der selbsternannte Mahdi (eine Messiasgestalt), Anführer des islamistisch-antikolonialistischen Mahdi-Aufstands, war 1885 – nur Monate nach der Einnahme Khartums, bei der General Gordon umkam – gestorben. Das Kalifat von Omdurman sollte bis 1898 dauern, bis zur britischen Rückeroberung.

Das Haus des Khalifa, in dem Slatin als eine Art Leibsklave lebte, hat die Zeit unverändert überstanden: Der "Magie" des Ortes konnte er sich nicht entziehen, erzählt Galitzine. Bei seiner Filmreise im Sudan hatte er übrigens einen lokalen Begleiter, den er indirekt dem Standard verdankt: Ein im Februar erschienenes Interview mit dem früheren südsudanesischen Kindersoldaten John Kon Kelei – heute Jurist in den Niederlanden – brachte die Filmer auf die Idee, diesen zu engagieren.

Sowohl einen Enkel des Mahdi als auch zwei Enkelsöhne des Khalifa konnte Galitzine besuchen. Dass der (nach dem Tod des Mahdi) geborene Sohn des "Osama bin Laden seiner Zeit" mit den Königen George V. und VI. in Buckingham gespeist und der Mahdi-Enkel in Oxford studiert hat, ganz wie er selbst, freut Galitzine als eine "Stärke des Empire".

Nach seinem Besuch, sagt er, kann er besser nachvollziehen, was seinen Großvater auch noch nach den Jahren der Gefangenschaft wieder in den Sudan gezogen hat: "Er hat das Land wohl wirklich geliebt." Jung hingekommen, hatte er sich total angepasst, auch im religiösen Sinn: Slatin trat schon in seinen ersten Jahren im Sudan zum Islam über. Und natürlich hatte er auch (eine) sudanesische Familie(n) – mit den möglichen Nachkommen einer von ihnen suchte Galitzine in Kontakt zu treten, vergeblich.

Die sehr religiösen Khalifa-Enkel, so berichtete er, waren höchst interessiert, zu erfahren, was es denn mit Slatins Islam-Bekehrung wirklich auf sich hatte. "Ich erzählte ihnen folgende Geschich-te: Mein Großvater fungierte als Übersetzer einer sudanesischen Delegation in England – und als sie beten ging, schloss er sich an." Allerdings konnte er den beiden nicht erklären, warum es in Feuer und Schwert keine Hinweise auf vom Mahdi getane Wunder gibt, an die auch seine heutigen Anhänger fest glauben.

Für seine spätere Heirat in Wien holte sich der auch in Österreich hochangesehene Slatin – er war etwa 1918 Delegationsmitglied in St. Germain – jedenfalls den päpstlichen Dispens: Und Enkel George sieht Opa Rudolfs Islam eher als jenen Pragmatismus, der schon dessen Vater, den katholischen Konvertiten, auszeichnete. (DER STANDARD, Printausgabe 20.4.2010)