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Nach den EU-Regeln sollte kein Fluggast, wie hier in Gatwick, auf der Sitzbank übernachten müssen.

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Hunderttausende Passagiere sind in den vergangenen Tagen als Folge der Vulkanasche an Flughäfen oder an ihren Aufenthaltsorten im Ausland gestrandet; andere konnten gar nicht aus ihrem Heimatland abfliegen. Neben den Umsatzeinbrüchen zieht dies für Fluglinien auch Kosten für die Verwirklichung der gesetzlichen Fluggastrechte nach sich.

Dabei rückt die EU-Fluggastrechte-Verordnung 261/2004 in den Mittelpunkt. Sie ist auf Flüge anwendbar, die von einem EU-Flughafen starten (sollten), auf Flüge von Drittstaaten in die EU aber nur, wenn diese von einer EU-Fluglinie durchgeführt werden. Hin- und Rückflug müssen nach einem EuGH-Urteil in einem österreichischen Fall (Rs Emirates / Schenkel) getrennt beurteilt werden. Linien- und Charterflüge sind ebenso umfasst wie die meisten Flüge bei Pauschalreisen.

Grundsätzlich können Fluglinien einen Flug innerhalb von sieben Tagen vor dem geplanten Abflug ohne Konsequenzen nur stornieren, wenn sie eine Alternative in sehr engen Zeitgrenzen anbieten können. Gerade in der aktuellen Situation ist dies nicht möglich, sodass Passagiere aus der Verordnung folgende Ansprüche ableiten können: ein Recht auf Umbuchung und anderwertige Beförderung so früh wie möglich (auf Wunsch auch zu einem späteren Zeitpunkt) oder, wenn gewünscht, Rückzahlung des Ticketpreises innerhalb von sieben Tagen in Geld; Gutscheine können, müssen aber nicht akzeptiert werden. An einem Zwischenstopp gestrandete Fluggäste haben Anspruch auf Rückzahlung und Beförderung zum Ausgangspunkt (Art 5 iVm Art 8 Abs 1).

Darüber hinaus muss die Fluglinie für eine Hotelunterbringung auch für mehrere Nächte sorgen, wenn - wie gerade jetzt in vielen Fällen - die Wartezeit nach der Annullierung mindestens bis zum nächsten Tag dauert. Ungeklärt ist allerdings, wie dies im Falle der Annullierung tausender Flüge organisiert werden kann und mit welchem Standard sich der Passagier zufriedengeben muss, ob er etwa der Einfachheit halber im gleichen Hotel wie bis zur Flugabsage bleiben kann. Eine Übernachtung auf dem Fußboden der Ankunftshalle ist jedenfalls nicht im Sinne der Verordnung, und auch ein Matratzenlager im Flughafen genügt den Vorgaben nicht. Die VO spricht in Art 9 Abs 1 lit b explizit von "Hotelunterbringung" und Transfer, allerdings wird den Passagier eine Pflicht zur Schadensminderung treffen; überzogene Forderungen müssen nicht zur Gänze erfüllt werden.

Darüber hinaus haben die Fluglinien Verköstigung in angemessenem Verhältnis zur Wartezeit (Art 5 iVm Art 9 Abs 1lit a) und die Möglichkeit für Telefonate oder E-Mails, meist in Form von Gutscheinen für die Flughafeninfrastruktur, zu bieten.

Die Fluglinien müssen ihre Passagiere über diese Rechte informieren (Art 14); in den letzten Tagen ist man dem teilweise nur sehr eingeschränkt nachgekommen, auch Umbuchungen auf Flüge, gesellschaftsrechtlich oder im Code-Sharing verbundener Flugunternehmen, wurden verweigert.

Der Rechtfertigungsgrund der höheren Gewalt (in Art 5 Abs 3 VO heißt es "außergewöhnliche Umstände") wäre bei der Vulkanwolke zwar einschlägig, allerdings befreit er die Fluglinien nur von der Pflicht von pauschalen Ausgleichszahlungen, die zusätzlich zu den geschilderten Ansprüchen auf Betreuung, Erstattung oder Umbuchung sonst zustünden.

In der Praxis hat sich gezeigt, dass die Fluglinien überfordert sind, die Passagiere tatsächlich vor Ort zu informieren und zu unterstützen; Kooperationen mit anderen Airlines werden zum Nachteil der Passagiere nicht immer genützt. Wird ein Passagier auf einen anderen Flug umgebucht, der sich dann als überbucht erweist und die Beförderung verweigert, so steht neben den erwähnten Rechten auch ein Anspruch auf Ausgleichszahlungen zu. (Stephan Keiler, DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2010)