Selbst der Waffenstillstand prolongiert einen Ausnahmezustand: Goran Devics und Zvonimir Jurics kroatisches Drama "Crnci / The Blacks", ist der Gewinner des Crossing Europe Award 2010.

Foto: Crossing Europe

Linz - Versucht man im Nachhinein ein komplexes Geschehen darzustellen, dann kann man dieses zum Beispiel auf simple Oppositionen herunterbrechen: "Wir gegen sie", "Gut gegen Böse", könnte das dann heißen. Es würde möglicherweise bloß alte Konflikte perpetuieren. Also startet man besser einen anderen Versuch: Der kroatische Filmemacher Goran Devic, eigentlich studierter Archäologe, fährt in seiner 30-minütigen Doku Tri/Three dreimal im Auto mit.

Sozialer Druckausgleich

Er hört einem Bosnier, einem Serben und einem Kroaten bei deren Erinnerungen an den jeweiligen Kriegseinsatz zu. Trotz individueller Unterschiede kristallisiert sich dabei eine geteilte Problematik heraus - und ein Typus, der gewissermaßen zum Druckausgleich einer Gesellschaft dient, die mit der jüngeren Vergangenheit lieber abschließen möchte.

Bei dem am Sonntag zu Ende gegangenen Crossing-Europe-Filmfestival stellte Devic gemeinsam mit Zvonimir Juric auch ihr gemeinsames Spielfilmdebüt vor: Crnci / The Blacks folgt zunächst einem Grüppchen uniformierter bewaffneter Männer auf eine nicht gleich durchschaubare Operation in den Wald. Die Episode endet unerwartet. Die Erzählung setzt an einem früheren Punkt noch einmal an, allmählich erkennt man Zusammenhänge, in denen sich nicht nur die anfängliche Suche, sondern auch die Funktion der Spezialeinheit entschlüsselt (deren Name auf eine faschistische Eliteeinheit anspielt).

Dabei kommt Crnci gänzlich ohne spekulative Darstellung jener Gewalttaten aus, für die die "Schwarzen" verantwortlich sind. Vielmehr interessiert er sich mit nüchternem Blick, ohne viel psychologische oder emphatische Ladung für die (institutionellen) Deformationen der Männer. Er erinnert etwa an jüngere Arbeiten aus Israel wie Beaufort, könnte aber auch als ein finsterer, streng reduzierter Verwandter von Kathryn Bigelows Hurt Locker gelten.

Die vergleichsweise starke Präsenz von Filmen aus den jugoslawischen Nachfolgestaaten bot einen konzentrierten Einblick in die unterschiedlichen künstlerischen Auseinandersetzungen mit den Zerfallskriegen und ihren Folgen: Auch Vladimir Perisics Ordinary People versuchte eine - weniger stimmige - Aufarbeitung militärischer Gewalt. Einer der Eröffnungsfilme war Jasmila Zbanics Na putu / On the path, der sich stärker für die Frage zunehmender religiöser Radikalisierung in Bosnien interessiert.

Der serbische Filmemacher Zelimir Zilnik, Jahrgang 1942 und ein Veteran des jugoslawischen Autorenkinos, thematisiert in seinen Arbeiten seit den 60er-Jahren unbeirrbar soziale Widersprüche und politische Tabus. Mit Stara skola kapitalizma / Old School of Capitalism geht er auf aktuelle Konflikte ein, die sich nun wieder auf dem Terrain des guten alten Klassenkampfs abspielen:

Ausgehend von Arbeiterprotesten und Fabriksbesetzungen 2009 entwickelt er ein veritables, halbdokumentarisches Lehrstück, in dem altgediente Arbeiter und Arbeiterinnen, junge Anarchisten oder Privatisierungsgewinnler mit Verbindungen zu russischen Oligarchen einander gegenüberstehen. Wenngleich die Selbstermächtigung der Ausgebeuteten kurzfristige Erfolge zeitigt, bleibt Zilnik pragmatisch-realistisch: Am Ende werden die Herrschafts- und Besitzverhältnisse mit Gewalt wieder hergestellt.

Old School of Capitalism feierte in Linz außer Konkurrenz seine Österreich-Premiere, Crnci wurde am Ende von der Jury zum Gewinner des diesjährigen Crossing Europe Award gekürt. Den Publikumspreis erhielt Séverine Cornamusaz' im Schweizer Hochgebirge angesiedeltes Beziehungsdrama Coeur animal. Der erstmals vergebene Dokumentarfilmpreis wurde Videocracy von Erik Gandini zuerkannt. Local-Artists-Preise gingen an Michael Mandel für Sinister Sisters Slaughterhouse und an Ella Raidel für Slam Video Maputo beziehungsweise Gloria Gammer und Sigrid Nagele für The Law of The Time - Ritornell.

Flexibel bleiben

Andere Beiträge bleiben auch ohne Auszeichnung hängen: Tatjana Turanskyjs Eine flexible Frau zum Beispiel - eine pointiert ausformulierte, immer wieder mit inszenatorischen Volten überraschende Gegenwarts-Tragikomödie, die eine arbeitslose 40-jährige Architektin durch den Mahlstrom der Prekarisierung schickt.

Das Festival zählte im Übrigen zum Ausklang trotz wieder verkürzter Festivaldauer gleich viele Kinozuschauer wie 2009 (Gesamtbesucherzahl: 17.000). Der Termin für 2011 ist 12. bis 17. April. (Isabella Reicher aus Linz, DER STANDARD/Printausgabe, 26.04.2010)