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In Österreich gibt es zu wenig LehrerInnen, die die Gebärdensprache gut beherrschen. Wollen Gehörlose selbst LehrerInnen werden, gibt es jede Menge Barrieren.

Foto: AP/Schulz

Eine lange Besucher-Schlange bildete sich heute vor dem Parlament, nicht weil eine spannende Nationalratssitzung auf dem Programm stand, sondern weil der Monitoringausschuss (zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen) zur zweiten öffentlichen Sitzung in den Budgetsaal lud.

Im Zentrum der Diskussion stand dieses Mal die Bildungssituation von Menschen mit Behinderungen, alle Interessenten konnten sich zu Wort melden und Änderungsvorschläge zur bisherigen Stellungnahme des Monitoringausschusses einbringen. Tenor aus dem Publikum war einmal mehr, dass die Sonderschulen in Österreich abgeschafft werden sollen (derStandard.at berichtete) . "Wir wissen, wohin der Zug fährt", meinte Walter A., der Vater eines behinderten Kindes. Außerdem wurde von Anwesenden die derzeitige gesetzliche Regelung, dass Eltern darüber entscheiden, ob ihr behindertes Kind eine Sonderschule oder eine Integrationsklasse besuchen soll, infrage gestellt.

Die derzeitige Handhabung führt zu skurrilen Auswüchsen: Der Gemeinderat in Innsbruck hat etwa vor kurzem den Bau einer neuer Sonderschule in der Region beschlossen mit dem Argument, dass ansonsten die Wahlfreiheit der Eltern nicht gegeben sei.

Unterrichstministerium will keine abrupte Abschaffung

Das Recht eines Kindes auf "Nichtaussonderung" solle verankert werden und die Inklusion – sprich vollständige, gleichberechtigte Teilhabe in den Bildungsinstitutionen – forciert, forderte das Plenum. Die derzeitigen Zweigleisigkeiten, die durch die Sonderschulen entstünden, würden außerdem teurer kommen, als eine Integration aller Behinderte in das reguläre Schulsystem.

Ein Einwand gegen eine vollständige Abschaffung der Sonderschulen, kam etwa vom Präsidenten des Blindenverbandes, Gerhard Höllerer: "Für uns wäre das ein Riesenproblem." Eine abrupte, nathlose Überführung in Integrationsklassen sei im Fall der sehbehinderten und blinden SchülerInnen nicht möglich, denn derzeit werde ein Großteil an den "Spezialschulen" – wie Höllerer die Sonderschulen des Blindeninstituts nennt – ausgebildet. Die Sonderschulen würden sich früher oder später selbst abschaffen, indem sie schrittweise durch die Forcierung der Integrationsklassen abgelöst werden würden, so Höllerer.

Aus Sicht des Unterrichtsministeriums ist das System der Sonderschulen in Österreich kein Verstoß gegen die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Kindern mit intellektueller Behinderung könnten wie jedes andere Kind ihre Schulpflicht in vollem Umfang absolvieren, betont das Ministerium. Mittelfristig sei zwar eine "schrittweise Weiterentwicklung" der Sonderschule hin zu einer flächendeckenden Integration in Regelschulen "vorstellbar". Allerdings hätten "Spezialschulen" wegen der speziell ausgebildeten Lehrer und entsprechenden Ausstattung "durchaus ihre Daseinsberechtigung".

Studium als "Einzelkampf"

In der öffentlichen Sitzung wurden weiters Veränderungen bei der Lehrerausbildung verlangt. Die strikte Trennung der Ausbildung von SonderpädagogInnen und RegelschullehrerInnen solle zum Beispiel aufgeweicht werden. Derzeit ist es für Gehörlose nicht möglich eine Ausbildung an einer pädagogischen Hochschule zu beginnen, weil die Aufnahmeprüfung für den Musikunterricht nicht absolviert werden kann.

Viele Barrieren und Hürden gibt es auch bei der Universitätbildung. Nach wie vor ist es für behinderte Menschen ein "Einzelkampf", wenn sie sich dazu entschließen zu studieren. Eine anwesende Tierärztin im Rollstuhl meinte, dass die Studienpläne adaptiert werden müssen: "Der Bildungsweg muss aus Sicht eines Behinderten durchgedacht werdne, bis hin zum Berufsleben." Zusätzlich braucht es an allen Universitäten und Fachhochschulen Behindertenbeauftragte, damit die Integration voranschreiten kann. Physische Barrieren – etwa Treppen und fehlende Aufzüge – gibt es an den Bildungsinstituten leider nach wie vor zu viele. Ein kreativer Ansatz zur Lösung des Problems aus dem Publikum: Eine Pflichtlehrveranstaltung "Barrierefreies Bauen" im Architekturstudium zu implementieren. (APA/edt, derStandard.at, 28.04.2010)