Wien  - Die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) hat ihr "Web@archiv Österreich" geöffnet. Damit wird der Zugang zu Webseiten ermöglicht, die bereits aus dem Internet verschwunden sind, teilte die ÖNB am Donnerstag in einer Aussendung mit. Für den Zugriff stehen in der Nationalbibliothek spezielle Terminals zur Verfügung.

Für die Nationalbibliothek gehören die im World Wide Web publizierten Inhalte ebenso zum nationalen Kulturgut eines Landes wie Printmedien. Durch eine im Vorjahr verabschiedete Mediengesetznovelle ist die ÖNB dazu berechtigt, österreichische Webseiten zu sammeln, zu archivieren und den Benützern der Bibliothek zugänglich zu machen. Nachdem im Herbst mit der Archivierung gestartet wurde, "konnten wir mittlerweile bereits 360 Mio. Dateien im Gesamtumfang von 5 Terabyte sammeln", erklärte ÖNB-Direktorin Johanna Rachinger.

Im Rahmen der Archivierung werden Webseiten mit so genannten Webcrawlern automatisiert gesammelt. So wird regelmäßig die gesamte ".at"-Domain gespeichert, darüber hinaus werden Seiten mit Österreich-Bezug, Webseiten zu speziellen Themenbereichen wie Politik, Kultur, Medien, Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung sowie Online-Inhalte zu speziellen Anlässen und Großereignissen (z.B. Wahlen) archiviert. Gesucht werden kann nach Internet-Adressen, nicht aber Volltext.

"Immerhin Eigentum aller Österreicher"

Die FPÖ hat am Mittwoch den fehlenden Einblick des Nationalrats in den Vertrag der Österreichischen Nationalbibliothek mit Google zur Digitalisierung von rund 400.000 Büchern des 16. bis 19. Jahrhunderts kritisiert. Grundsätzlich sei der Plan zwar zu begrüßen, so FP-Kultursprecherin Heidemarie Unterreiner in einer Aussendung, nichtsdestotrotz sei der Bestand der ÖNB "immerhin Eigentum aller Österreicher". Stutzig mache es sie daher, dass der Vertrag nicht zugänglich sei. "Wir werden an den Rechnungshof herantreten, damit dieser das Vertragswerk prüft."

Kritik übte Unterreiner auch an der Tatsache, dass mit Google ein amerikanischer statt eines europäischen Partners an Bord geholt wurde. "Die digitale Bibliothek 'Europeana' hätte diese Aufgabe auch übernehmen können", sagte Unterreiner. Sie plädierte dafür, mit geistigem und kulturellem Gut verantwortungsvoll und behutsam umzugehen.

Zuvor hatte bereits die IG Autorinnen Autoren eine "sofortige Offenlegung des Vertrags" gefordert. Die Interessenvertretung fürchtet durch die Public Private Partnership die Schaffung eines Präzedenzfalls. Während die Autoren und Verlage "um die Respektierung ihrer Rechte durch Google kämpfen, fällt ihnen die größte österreichische Bibliothek durch eine Partnerschaft mit Google in den Rücken", hieß es.

ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger hatte die Partnerschaft als "Meilenstein" bezeichnet. Google trägt die gesamten Digitalisierungskosten in Höhe von etwa 30 Millionen Euro. Die Vorarbeiten starten sofort, ab dem kommenden Jahr wird digitalisiert, das Projekt ist auf sechs Jahre anberaumt. Google hat derzeit rund zwei Millionen Werke über Verlagspartnerschaften und mehr als zehn Millionen Werke aus über 40 Bibliotheken wie jenen von Harvard, Stanford und Oxford, die Bayerische Staatsbibliothek oder die Nationalbibliothek von Rom und Florenz abrufbar. (APA)