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Ivo Sanader auf einer Parteiveranstaltung seiner HDZ nach seinem Rücktritt als kroatischer Premier am 4. Juli 2009. Die Partei hat ihn inzwischen ausgeschlossen.

Foto: Reuters/Nikola Solic

Zagreb - Ein Jahr ist es her, dass Ivo Sanader Kroatiens Premiers-Sessel verlassen hat. Innerhalb kürzester Zeit wurde der langjährige HDZ-Politiker vom Helden der Nation zum Buhmann - und zuletzt wegen eines gescheiterten Versuchs, die Macht wiederzuerlangen, aus seiner Partei (Kroatische Demokratische Gemeinschaft, HDZ) ausgeschlossen. Warum er so plötzlich gegangen ist, darüber rätselt die Öffentlichkeit noch immer. Mit seiner Erklärung, die er am 1. Juli 2009 abgab, wollte sich niemand zufriedengeben.

Er sei gegangen, weil er Kroatiens Beitritt zur Europäischen Union nicht im Weg stehen wollte. Er war verärgert, weil die EU es zugelassen hat, dass Slowenien wegen der Grenzfrage die Beitrittsverhandlungen blockierte lautete die offizielle Version. Eine Zeit lang wurde dies als große, staatsmännische Geste gesehen.

Die Spekulationen, ob er wegen seines Gesundheitszustands (er dementierte), seiner Familie, oder des Stillstands in der Regierungsarbeit seinen Rücktritt angetreten hat, begannen, und verstummten bis heute nicht. Es wurde sogar behauptet, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel ausschlaggebend für Sanaders Rücktritt war.

Angebliche Provisionszahlungen an Sanader von Hypo Alpe Adria

Sanader bestimmte Jadranka Kosor, bisher seine Vize, als Regierungschefin. Das gute Verhältnis der beiden sollte sich bald ändern. Die Zeit nach seinem Abgang könne man in zwei Phasen teilen, analysierte die Zeitung "Vecernji list". Eine, in der er von der Öffentlichkeit als mutiger Staatsmann, der seinem Land nur Gutes wollte, dargestellt wird. Und eine, die von dunklen, nicht nachgewiesenen Verwicklungen in zwielichtige Geschäfte überschattet wurde.

Nach seinem Abgang versuchte der Ex-Premier als der zu gelten, der im Hintergrund die Fäden zog. Auch in internen Sitzungen der HDZ, deren Ehrenpräsident er wurde, spielte er sich immer in den Vordergrund, beklagten Regierungsmitglieder. Doch als Sanaders Name in der Hypo-Affäre auftaucht, war Schluss mit lustig. Sanader, der angeblich 800.000 D-Mark Provision erhalten haben soll, weil er der Hypo, beziehungsweise der Bayern LB den Einstieg auf den kroatischen Markt geebnet haben soll, wurde zum Geächteten.

Sein peinlicher Versuch Anfang des Jahres, die Macht in der HDZ wieder an sich zu reißen, scheiterte. Jadranka Kosor zog die Konsequenzen, um ihre Position als Premierministerin zu verteidigen und die Regierung vor dem Zerfall zu bewahren: Sie schloss ihn kurzerhand aus der HDZ aus. Besonders entwürdigend für Sanader waren wohl die Verbalinjurien aus der Zuschauermenge bei der Angelobung des neuen kroatischen Präsidenten Ivo Joispivic im Februar 2010. Er wurde als "Dieb" beschimpft. Danach verschwand Sanader aus dem Bild der Öffentlichkeit.

Zahlreiche Affären nach Sanaders Abgang publik gemacht

Offenbar ist Sanader tatsächlich einigen wichtigen Entwicklungen in Kroatien im Weg gestanden. Nach seinem Abgang wurden zahlreiche Affären bekannt - und Konsequenzen gezogen. Gleich Ende des Jahres klickten die Handschellen für die Manager des Lebensmittelherstellers Podravka. Sie hatten heimlich Podravka-Aktien gekauft und in einer Offshore-Firma gelagert, um Podravka vor einer feindlichen Übernahme zu schützen.

Ende März 2010 wurde auch Ex-Vizepremier und Wirtschaftsminister Damir Polancec wegen derselben Angelegenheit festgenommen. Dieser sitzt auch noch wegen einer Affäre des Stromanbieters HEP, die im Mai aufgedeckt wurde, in U-Haft.

Im November 2009 wurden Manager der staatlichen Autobahnfirma HAC hops genommen. Angeblich wollte Verkehrsminister Bozidar Kalmeta die Firmenführung schon längst ablösen, doch Sanader soll seine schützende Hand über sie gehalten haben. Sie sollen den Staat um 22 Millionen Kuna (3,06 Mio. Euro) geschädigt haben. Festnahmen gab es auch in der Affäre um die kroatische Postbank (HPB), die angeblich auf politischen Geheiß hin Kredite ohne Sicherheiten vergab und so einen Verlust von 400 Millionen Kuna schrieb.

Ganz Kroatien fragt sich, wie es sein konnte, dass der Regierungschef nicht darüber Bescheid gewusst hat - und vermutet Sanaders Schuld. Aus ihrer jetzigen Position verstehe sie viel eher, warum Sanader gegangen ist, sagte Kosor etwas kryptisch in einem TV-Interview zu ihrem einjährigen Amtsjubiläum: "Eines Tages werde ich sicher darüber sprechen." Das war ihr einziger Kommentar zu ihrem Vorgänger.

Ihr hat der Abgang ihres ehemaligen Chefs entschieden genutzt: Sie wagte es, die Leichen aus dem Keller der HDZ, die seit dem Krieg fast ununterbrochen an der Macht war, zu exhumieren und wurde dafür nicht nur von der Bevölkerung gelobt, sondern genoss bald auch international den Ruf als Korruptionsbekämpferin.

Medien spekulieren über Gründung von Sanader-Partei

Ganz aus den Augen lassen Sanader die Medien nicht. So spekulierte das Magazin "Nacional" zuletzt darüber, ob Sanader nun doch die politische Bühne wieder erklimmen und eine eigene Partei gründen will. "Nacional" war es auch, das erfuhr, dass Sanader angeblich auch eine Wohnung in New York gekauft habe. Allerdings nicht für sich, sondern für seine Tochter, die dort ein Schauspielstudium absolviert, wurde sogleich Entwarnung gegeben.

Am Jahrestag schließlich machten Fotoreporter Jagd auf den einst wichtigsten Mann im Staat, erwischten ihn aber nicht. Oder nur zum Teil: Seine Schuhe enttarnten den Flüchtenden jedoch als Ivo Sanader, der vor den Fotografen Reißaus nahm. (APA)