Die Übersetzerin Karin Fleischanderl stellt der Literaturszene einen tristen Befund aus: "Ich glaube, dass die europäische Literatur insgesamt darniederliegt im Augenblick."

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Über die hermetische Szene und den Erfolg der "Als-ob-Literatur" spricht sie mit Isabella Pohl.

Standard: Vor einer Woche ging das Bachmann-Lesen 2010 zu Ende. Mit welchen Eindrücken kehren Sie aus Klagenfurt zurück?

Fleischanderl: Es ist ein Bewerb, der die Texte auf Verwertbarkeit und Verkäuflichkeit abklopft. Die literarische Qualität kann, muss aber nicht prämiert werden. Zum Siegertext kann man stehen, aber ausschlaggebend war, dass Wawerzinek eine tolle Biografie hat, sympathisch und authentisch rüberkommt. Daher ist er hervorragend weiterzureichen im Literaturbetrieb. Über den Text könnte man gesondert reden.

Standard: Kann man sich darauf einigen, dass es der Text eines Schriftstellers ist?

Fleischanderl: Er hebt seine Biografie auf eine literarische Ebene. Zum Großteil hört man in Klagenfurt handwerklich gut gemachte Texte. Das ist der Zustand der Literatur allgemein. In den 80er-Jahren gab es einen Paradigmenwechsel: Der Autor ist heute kein Genie mehr, keine leidende Seele. Literatur ist machbar geworden, handwerklich herstellbar.

Standard: Ein Verdienst auch der Schreibklassen?

Fleischanderl: Sie sind an der Misere nicht schuld, sie sind eher die Nutznießer dieser Situation. Wenn es heißt, Literatur ist herstellbar, lässt man seinen Text eben an einer Schule verbessern. Dass es dann viele dieser Texte nach Klagenfurt spült, ist klar. Diese Texte sind nicht eklatant schlecht, aber auch nicht gut. Sie behandeln in einer lauen Mittellage gewisse Themen.

Standard: Was für Autoren entstehen dadurch?

Fleischanderl: Junge Autoren sind immer gut vermittelbar. Sie schreiben über Themen, die ihnen nicht wirklich nahegehen – das ist wie eine Schreibübung. Man sagt: "Schreib über eine Schwangerschaft oder über deinen Großvater!", und heraus kommt ein Text, der irgendwie gefällig ist, nicht radikal ist, nichts aufwirft, sondern eher ein bisschen umrührt.

Standard: Hat sich Ihre Wahrnehmung des Bewerbs verändert?

Fleischanderl: Zum ersten Mal geht man naiv hin, mit einer Hoffnungshaltung, die sich erschöpft. In Klagenfurt tagt ein sehr homogener, hermetisch abgeschlossener Literaturbetrieb. Als Stimme von außerhalb hat man da keine Chance. Man ist eine ungeliebte, störende Stimme.

Standard: Man bleibt lieber unter sich?

Fleischanderl: Ich sehe eine gewisse Heuchelei dabei. Die Berichte sagen dann, es hätte kontroversieller zugehen können, sprechen von Beißhemmung, aber wenn man etwas dagegen sagt, ist man die beleidigte Leberwurst. Sie wären offenbar zufriedener, wenn sie für sich plaudern könnten.

Standard: Enttäuscht es, wenn die eigenen Autoren leer ausgehen?

Fleischanderl: Im Lichte der Vernunft betrachtet geht es fast nicht anders. Sie sind zu klein. Als Österreicher hat man doch immer wieder die Idee, Literatur sei nicht nur Ware – aber dort ist sie nur eine Ware, die verkauft wird.

Standard: In Ihrem kürzlich bei Sonderzahl erschienenen Buch "Vom Verbot zum Verkauf" äußern Sie scharfe Kritik über einige erfolgreiche Autoren wie Daniel Kehlmann und Norbert Gstrein. Diese Autoren, sagen Sie, schreiben "Als-ob-Literatur".

Fleischanderl: Es gibt einen gewissen Kanon, wie Literatur zu sein hat. Das versucht man zu erfüllen, weil das Publikum dankbar ist und glaubt, das sei Literatur. Da gibt es erfolgreichere Lösungen wie Kehlmann und weniger erfolgreiche, wie man sie viele in Klagenfurt sieht.

Standard: Was uns mit viel Aufwand als Literatur verkauft wird, ist in Wahrheit keine mehr – und niemandem fällt das auf?

Fleischanderl: Jeder wäre aufgerufen, zu sagen, das ist keine Literatur, sondern etwas Imitiertes, Nachgeschriebenes. Man macht es nicht, weil's mühsam ist, weil man mit dieser Als-ob-Literatur Geld verdienen kann, sie marktgängig ist, leichter zu rezipieren.

Standard: In Italien, schreiben Sie, ließen die Medien die Literatur ersterben. Droht uns das auch?

Fleischanderl: Das einzige Genre, das in Italien noch gedeiht, ist der Krimi. Es ist das Genre, das am handwerklichsten ist – es gibt also einen gewissen Zusammenhang. Mit seiner Medienherrschaft ist Italien heute fast schon Avantgarde. Das Bedürfnis, sich literarisch auszudrücken, erstirbt in so einer Gesellschaft. Italien ist aber ein Sonderfall. Es ist vom ganz rückständigen, bis in die 50er-Jahre bäuerlichen Feudalstaat ganz schnell in die postdemokratische Medienherrschaft gekippt – das haben wir nicht.

Standard: Und in der Gegenwartsliteratur gibt es nichts mehr?

Fleischanderl: Mir fällt nichts auf. Es gibt ein paar Autoren, die die alte Tradition weiterführen. Ich glaube, dass die europäische Literatur insgesamt darniederliegt im Augenblick. Die Amerikaner sind da gerade einfallsreicher.

Standard: Sie haben Autoren übersetzt wie Gesualdo Bufalino, Andrea Zanzotto, Giuseppe Zigaina, aber zuletzt auch einen Politthriller von Giancarlo De Cataldo.

Fleischanderl: Als Übersetzer hat man auch einen handwerklichen Zugang zur Literatur. Mit Cataldo habe auch ich begonnen, Krimis zu übersetzen (lacht) – obwohl das meiner Meinung nach sogar ein recht guter ist.

Standard: Die Übersetzerarbeit wird sehr gering geschätzt.

Fleischanderl: Die Übersetzer sind Fußvolk im Literaturbetrieb. Es ist eine wichtige Arbeit, aber es fehlt das, was der Autor leisten muss, das Originale, deshalb ist der Übersetzer austauschbar. Ich wäre schon für eine realistische Wertschätzung dankbar. Ich will gar nicht neben dem Autor auf dem Cover stehen.

(DER STANDARD/Printausgabe, 05.07.2010)