Foto: DER STANDARD/Newald

Das Dollfuß-Bild im Bundeskanzleramt wurde entfernt.

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Wien - Der Standard-Bericht hat Wirkung gezeigt. Die Gedenkmesse für Engelbert Dollfuß, die für den 26. Juli in der Kapelle des Bundeskanzleramtes angesetzt war, wurde am Dienstag abgesagt. Staatssekretär Josef Ostermayer selbst soll die Absage betrieben haben. Eine Messe wird voraussichtlich im November, rund um Allerheiligen, stattfinden. Dann soll aller verstorbener Bundeskanzler in der Hauskapelle gedacht werden.

Eine Gedenkmesse für den von den Nazis ermordeten Austrofaschisten Dollfuß findet jährlich seit den 1960er-Jahren statt, das Bundeskanzleramt selbst hat noch am Montag darauf verwiesen, dass es die Gedenkmesse um den Todestag auch unter sozialdemokratischen Bundeskanzlern gegeben habe. Am Dienstag erklärte Leo Szemeliker, Sprecher des Bundeskanzlers: "Das zunächst routinemäßig festgelegte, aber historisch eindeutig konnotierte Datum des 26. Juli hat jetzt in der Öffentlichkeit zu ungewollten politischen Interpretationen geführt, deswegen diese Entscheidung. Eine öffentliche Diskussion mit dieser Färbung ist, obwohl sich die Usance über Jahrzehnte hinweg eingeschliffen hat, besonders auch vor dem aktuellen Hintergrund unpassend: Die Präsidentin des Nationalrates arbeitet gemeinsam mit dem Bundeskanzleramt und dem Historiker Oliver Rathkolb an einer parteiübergreifenden Initiative, die alle demokratisch gesinnten Opfer des Regimes 1934 bis 1938 rehabilitieren soll."

Unter dem christlich-sozialen Bundeskanzler Dollfuß schaltete sich 1933 das Parlament aus, Dollfuß schuf mit der Maiverfassung 1934 einen autoritären Ständestaat. Am 25. Juli 1934 wurde er im Verlauf des Juliputsches von den Nazis ermordet. Für die ÖVP gilt Dollfuß als ein Opfer des Nationalsozialismus, das sich für ein eigenständiges souveränes Österreich eingesetzt hat.

Der ehemalige Nationalratspräsident Andreas Khol (ÖVP) ist von der Absage der Messe überrascht. Für ihn hat diese Messe keinerlei politische Bedeutung, sie sei schlicht ein Akt der Pietät. "Diese Messe hat es immer gegeben", sagt er. Immerhin sei Dollfuß als Bundeskanzler im Amt ermordert worden, außerdem gebe es Nachkommen. Khol: "Es ist eine Frage der Traditionspflege, politische Bedeutung hatte das keine."

Warum es Staatssekretär Ostermayer wichtig war, die Messe abzusagen, zeigt ein Blick in seine Familienhistorie. Ostermayer ist in Schattendorf im Burgenland geboren. Das "Kind von Schattendorf", der achtjährige Josef Grössing, war Bruder von Ostermayers Großmutter. Der kleine Bub war im Jänner 1927 in Schattendorf aus Neugier auf die Straße gegangen und bei einer Schießerei von linken Schutzbündlern und rechten Frontkämpfern ums Leben gekommen. Der Freispruch für die Täter hatte zur Revolte und zum Justizpalastbrand geführt. (Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 7.7.2010)